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Reportagen

Karmadusche

Balinesin beim traditionellen Reinigungsritual im Tempel Tirta Empul, einem der heiligsten Orte der Insel

© Rentsch

Besondere Heiligtümer werden mit Stoff umkleidet, egal ob Figur oder Baum.

© Rentsch

Blick von oben auf den Künstlermarkt von Ubud

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Figuren wie diese sind auf Bali wahrlich allgegenwärtig.

© Rentsch

Kunstvolle, traditionelle Maske

© Iter Indonesia

Kunsthandwerk wird auf Bali noch großgeschrieben.

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Gute Laune bei der Reisernte

© Iter Indonesia

Yoga geht überall, hier beim Kul Kul Tower hoch über dem Resort „The Mandapa".

© The Mandapa

Willkommenspavillion von „The Mandapa“ in traditionellem Architekturstil

© The Mandapa

Pool-Villa mit drei Schlafräumen

© The Mandapa

Bali war nicht nur die Schablone für den  Film „Eat Pray Love“, die Insel ist tatsächlich ein Rückzugsort. Wo man vielleicht den Sinn des Lebens findet ...

Cornelia Brammen (Text) Gudrun Rentsch (Bilder)

Wie erhebend kann es sein, mit einem Sarong umwickelt 30 Minuten bis zum Bauchnabel in einem Wasserbecken zu stehen, die Stirn unter einen mächtig sprudelnden Wasserspeier zu halten und diese Prozedur sieben Mal zu wiederholen? Offensichtlich sehr. Seit Jahrhunderten pilgern Hindus an den heiligen Ort Tirta Empul, um mit dem heiligen Wasser, das rein und klar aus den Bergen Balis entspringt, ihr Karma zu reinigen.

Unbedingt das Karma befolgen

Karma, das Gesetz von Tat und Wirkung, ist ein zentrales Thema für Hinduisten. Durch gute Taten – dazu gehören auch Reinigungszeremonien – wollen sie aus dem ewigen Kreislauf der Wiedergeburt befreit werden, um eins mit der ewigen Weisheit von Brahman sein zu können. Made, unser Guide in Zentralbali, ist gläubiger Hinduist. Anfang 30, Personal Trainer, Vater von zwei Kindern und designierter Priester. In der Familientradition ist er derjenige, der das Priesteramt von seinem Vater übernehmen muss. Ein schweres Erbe. Denn hindustische Priester und Priesterinnen leben zölibatär, ihre Ehen ruhen. Ungeschriebenes Gesetz. Wichtig für das Karma, es zu befolgen. Aber es gibt Situationen, da entscheidet der gläubige Hindu pragmatisch: Beim ersten Besuch von Tirta Empul bleibt unser Karma ohne Reinigung. Es ist Vollmond und Hunderte Gläubige stehen an den Wasserbecken Schlange. Zeit für Nyama, Tatkraft. Made vertagt die Zeremonie. Loslassen zu können, ist auch eine Tugend. Sich nicht zu sehr mit den eigenen Wünschen zu verbinden. Willkommen in Bali.

Die Insel im Süden Indonesiens erfüllt die Wünsche von Millionen Touristen. Seit Jahrzehnten. Die in den 1950ern geborene Freundin schwärmt vom unberührten Paradies aus Reisfeldern, Bambushütten und wunderschönen, sanft lächelnden Menschen, das sie als Backpackerin in den 1970er Jahren entdeckte. Der Zahnarzt mit eigener Praxis gerät schlichtweg in Verzückung beim Erinnern der ekstatischen Gamelan-Konzerte, bei denen er als Hobby-Musiker mitwirken durfte. Und inzwischen ist Ubud auch noch das Epizentrum des Yoga. Seit 2010 Julia Roberts im Kinofilm „Eat Pray Love“ nicht nur den Sinn des Lebens, sondern auch den Mann fürs Leben gefunden hat, kommen jedes Jahr Heerscharen von Yoginis nach Ubud, um sich als Yogalehrende ausbilden zu lassen. Mit Astro-Print-Leggins an den Beinen, herzöffnendem Lächeln auf den Lippen, Smoothie-Bechern in der Hand und Yogamatten auf dem Rücken.

Yoga gibt es von rudimentär auf Bastmatten mitten im Reisfeld bis elitär im klimatisierten Luxusresort. Und hier ein Bekenntnis: Die Yogalehrerin in mir genießt beides. Mit 100 spärlich bekleideten Jung-Yoginis in der „Yogabarn“ bei gefühlten 38 Grad nach einem heißen Tag im balinesischen Dschungel die Spannung aus den Muskeln dehnen genauso wie das Morgen-Yoga – um 7 Uhr – mit drei anderen Gästen im kühlen Yoga-raum von „The  Mandapa, A Ritz-Carlton Reserve“, untermalt vom Rauschen des Flusses Ayrung. Alles ist eins.

 

Drei Wege zur Harmonie

Der Fluss gehört zum Resort wie der Tempel, die Reisfelder und der Dschungel. Diese drei Komponenten dürfen in keinem balinesischen Dorf fehlen. Ebenso wenig wie das Prinzip von Tri Hita Karana, drei Wege zur Harmonie: Respekt von Mensch zu Mensch, Respekt von Mensch zu Natur, Respekt vor dem Göttlichen. Diese uralte Philosophie manifestiert sich im Subak-System, einem jahrtausendealten Wasserwirtschaftssystem, nach dem Reisfelder bestellt werden. „Subak“ ist ein balinesisches Wort, das im Deutschen in etwa „Bewässerungsgemeinschaft“ bedeutet. Damit sind die Personen gemeint, die gemeinsam das Bewässerungs­system der Reisterrassen nutzen, instandhalten und ausbauen. Auch „The Mandapa“ hat sich den Regeln des Subak verpflichtet. Wasserpumpen sind verboten, bewässert werden die Felder ausschließlich mit Regenwasser und Quellwasser aus den Bergen, das nach einem ausgeklügelten Kanal­system zugeteilt wird. Die demokratische und egalitäre Gemeinschaft der Subaks ermöglicht den Bauern Balis einen extrem ertragreichen Reisanbau.

Ein fantastisches System, das durch den Tourismus zunehmend bedroht ist. Denn jeder Neubau, der ohne Kenntnis der miteinander verbundenen Wasserwege in die Reisfelder gesetzt wird, zerschneidet natürliche Verbindungen. 

Eine Frage des Sich-Einlassens

Seit 2016 machen mehr Menschen auf Bali Urlaub als hier leben. Kein Wunder bei so viel Verheißung. Sonne, Sinn, Spiritualität, Schönheit, üppigste Vegetation, atemberaubende Landschaften. Und womöglich Heilung. Für die Seele und dann ja wohl vielleicht auch in der Folge für den Körper. Heiler und Heilerin ist ein völlig normaler Beruf auf Bali. Die Balians verfügen über Fähigkeiten und Methoden, die aus dem abendländischen Gesundheitssystem immer mehr verschwinden: Intuition, Ruhe, Gelassenheit, Berührung, Verzicht auf Geräte. Balians haben Zeit, und sie hören zu.

Oder sie haben Zeit und fühlen sich in die Menschen hinein, die zu ihnen kommen. Das gilt für die blinde Heilerin Ketut Mursi im „The Mandapa“ ebenso wie für die Handleserin. Die eine spürt beim Massieren tief in die Informationen hinein, die ihr verspanntes Gewebe, entzündete Muskeln und steife Gelenke geben, und leitet daraus ab, welches Thema hier schmerzt. Die andere arbeitet sich mit den Abbildungen exotischer Blüten, empathischen Fragen und den Linien der Hand zu dem vor, was Probleme bereiten könnte. Verspannungen lösen sich, Tränen fließen, das Lachen des Selbsterkennens holt Schatten ans Licht. Heilung? Wellness? Spökenkiekerei? Das hängt von den Wünschen ab, die wir mit nach Bali bringen.

Natürlich ist auch ein Bali-Urlaub komplett ohne Yoga, Balians und Spiritualität machbar. Aber das wäre schade. Denn der Zauber, die Leichtigkeit und das Image Balis gründen in der Religion, dem balinesischen Hinduismus. Er ist allgegenwärtig. Mit Tempeln, Räucherwerk, Bambuskörbchen gefüllt mit bunten Blüten, Reiskörnern auf Stirn und Hals der Gläubigen, Reinigungsritualen und Göttern. In Ubud, Zentrum der Holz- und Steinmetzkunst, säumen sie die Straßen: Brahman, Vishnu und Shiva als schöpfende und zerstörende Drei-Gottheit und immer wieder Dewi Sri, die Göttin der Reisfelder. Das Wasserwirtschaftssystem Subak, seit 2012 UNESCO-Weltkulturerbe, wurzelt im tiefen Glauben der balinesischen Hindus an die Manifestationen Gottes in allem, was ist, sowie an die Kräfte der Natur.

Wasser tut immer gut

Deshalb sind wir ein zweites Mal zum Tirta Empul gefahren. Denn so eine Karma-Dusche inmitten gläubiger Balinesen kann auf keinen Fall schaden. Made, der zukünftige Pries­ter, weist uns in die Zeremonie ein, hilft uns, den Sarong zu binden und steigt voraus in das Becken mit heiligem Wasser. Für ihn ist die Water Purification eine ernste Sache. Er steht in einer jahrtausendealten Tradition, kennt die vedischen Schriften, weiß um sein Karma und was es davon noch aufzulösen gilt. Er weiß aber auch, dass hinter der Stirn der Frontallappen liegt, die Hypophyse, unser Kontrollzentrum im Gehirn. Da mal einen Schwall Wasser drüberlaufen zu lassen, kühlt auf jeden Fall den Geist und klärt die Gedanken. Und wer weiß, was daraus folgt, daheim in Europa.