Newsletter

Reportagen

Kurswechsel

Idyllisch: Blick über den Stausee von Suchitlán

Idyllisch: Blick über den Stausee von Suchitlán

© Oliver Gerhard

Fürsorglich: Tierärztin Melissa Valle vermisst eine gefangene Schildkröte.

Fürsorglich: Tierärztin Melissa Valle vermisst eine gefangene Schildkröte.

© Oliver Gerhard

Koloniales Flair prägt die Gassen des Städtchens Suchitoto.

Koloniales Flair prägt die Gassen des Städtchens Suchitoto.

© Oliver Gerhard

In vielen Orten erinnern Wandgemälde an Bürgerkrieg und Friedensvertrag.

In vielen Orten erinnern Wandgemälde an Bürgerkrieg und Friedensvertrag.

© Oliver Gerhard

Rund um den Hauptplatz von Suchitoto scheint die Zeit stehengeblieben zu sein.

Rund um den Hauptplatz von Suchitoto scheint die Zeit stehengeblieben zu sein.

© Oliver Gerhard

El Salvador setzt auf Umweltschutz: Im kleinsten Staat Mittelamerikas werden Fischer zu Tierschützern und einstige Guerilleros zu Parkrangern.

Oliver Gerhard (Bilder und Text)

Das Team ist eingespielt: Während Luis Reynaldo García das Netz ins Wasser schleudert, reißt sein Kollege das Motorboot herum und zieht einen weiten Kreis. Dann kommt der Moment des Dritten im Team: Boanerges Sánchez springt ins glasklare Nass und taucht ab. Plötzlich brodelt es, eine Flosse taucht auf, der Kopf des Mannes, dann wieder die Flosse: ein Ringkampf unter Wasser. Gespannt beobachten die Zuschauer vom Nachbarboot aus das Geschehen. Beim letzten Kampf vor einer halben Stunde hatte die Schildkröte gewonnen und das Weite gesucht. Doch diesmal hat Sánchez Erfolg, schnaufend schiebt er den schweren Körper des Reptils nach oben, während Reynaldo García den Panzer an Bord zieht. Dann liegt das Tier im Rumpf des Bootes: eine Echte Karettschildkröte. 

Bis 2007 glaubte man, dass die Art ausgestorben sei, doch dann wurden wieder einzelne Exemplare vor der Küste El Salvadors gesichtet. Heute gilt die Bucht von Jiquilisco als eines ihrer wichtigsten Rückzugsgebiete zur Eiablage. Kaum ist die Schildkröte an Bord, gibt der Bootsführer Gas, Luis Reynaldo García schüttet indessen immer wieder Wasser über das Tier, damit es nicht dehydriert. 

„Schildkröten habe ich schon mein ganzes Leben lang gefangen“, erzählt García später. „Doch früher haben wir sie gegessen – und die Eier verkauft.“ Heute hilft der 39-Jährige den Tierschützern und Wissenschaftlern, die für den Erhalt dieser stark bedrohten Art kämpfen. Über Jahrhunderte wurde die Echte Karettschildkröte nicht nur wegen ihres Fleisches, sondern vor allem wegen des wertvollen Schildpatts gejagt. 

Umstellung für die lokale Bevölkerung

Mit Vollgas geht es durch die Bucht. Mangroven gleiten vorbei, kleine sandige Buchten, einsame Inseln, Fischerhäuser auf Stelzen – und am Horizont erheben sich die Kegel mehrerer Vulkane. An einem weiten Strand tragen die Männer den Koloss in den Sand.

Nun schlägt die Stunde von Melissa Valle. Die Tierärztin erforscht für die Naturschutzorganisation „ProCosta“ die Bestände im Schutzgebiet. Die zierliche junge Frau zückt Maßband, Zange und Skalpell: „89 Zentimeter“, ruft sie ihrem Assistenten zu. „Weibchen, 18 Zentimeter Schwanzlänge!“ Dann entnimmt sie eine Gewebeprobe aus dem runzligen Hals und knipst eine Nummer in die Flosse. „Dadurch können wir ihre Wege nachvollziehen, falls sie wieder einmal gefangen wird“, sagt Valle. Dann lässt sie das Tier wieder laufen, das erleichtert abtaucht. 

Viele Mitarbeiter waren früher Schildkrötenfischer. „Wir versuchen, die Bevölkerung mit einzubinden, um Einkommen zu schaffen – so muss keiner wildern gehen“, erklärt die Tierschützerin. Für die Einheimischen war das gewöhnungsbedürftig: „Wir hatten Angst, dass unser Lebensstandard sinkt“, sagt Luis Reynaldo García. „Aber heute profitieren wir von den Besuchern aus aller Welt.“ 

Doch noch bleibt die Zahl internationaler Touristen überschaubar. Der „Däumling Mittelamerikas“ – mit 21.000 Quadratkilometern kaum größer als Hessen – schlummert im Dornröschenschlaf. Dabei ist der Bürgerkrieg, der das Land zwölf Jahre lang erschütterte, seit 1992 beendet. Seit einigen Jahren setzt El Salvador, das seine Wälder lange gnadenlos abgeholzt hatte, auf Umweltschutz. So wurde 2013 die Verwendung von Glyphosat und anderen potenziell krebserregenden Chemikalien verboten, vor zwei Jahren setzte die Regierung dem Metallbergbau per Gesetz ein Ende. 

An den Ufern der Bucht von Jiquilisco erstreckt sich das Land der Hacienda La Carrera, einst eines der größten Landgüter in Mittelamerika. Bis zum Bürgerkrieg ernteten Arbeiter hier zu Hungerlöhnen Baumwolle, Kakao und Kokosnüsse. Dann kam die Landreform und machte mittellose Bauern zu Landbesitzern. Doch inzwischen haben viele Großgrundbesitzer ihr Land zurückgekauft – vielen der Gründer fehlte es an Erfahrung und Kapital. 

Einer der Arbeiter ist Don Miguel. Früher war der zahnlose alte Mann Löwenwärter im Privatzoo der Eigentümer, heute wacht er über die Tiere, die den Bürgerkrieg überlebt haben: eine wilde Bande von Klammeraffen. Zweige knacken, Laub rieselt über den Köpfen der Besucher beim Spaziergang: Die Affen wissen, dass es jetzt Futter gibt. 

Lockend hält Don Miguel eine überreife Banane in die Höhe. Einer der Primaten streckt vorsichtig seinen langen Arm aus, ein schneller Griff, und schon sitzt er schmatzend im Wipfel. „Einmal haben sie mich gerettet“, sagt der Wärter. „Ich wurde von mehreren Männern angegriffen – da kamen die Affen aus dem Wald und haben mich verteidigt.“

Kampf mit Worten statt mit Waffen

Umlernen musste nach dem Bürgerkrieg auch Francisco Rafael Hernández. In Jeans und Springerstiefeln, mit einer Machete am Gürtel, erwartet der einstige Guerillero seine Gäste auf dem Hauptplatz von Cinquera, auf seinem Polo-Shirt klebt das Logo des Umweltministeriums: Hernández arbeitet als Park-ranger für den Staat, den er einst im Untergrund bekämpfte. 

Vor der Kirche stehen keine Heiligenfiguren, sondern verrostete Granaten, auf dem Hauptplatz gibt es keine Blumenrabatten, sondern einen Zaun mit ausgedienten Kalaschnikows als Deko und den Rumpf eines Helikopters – dazwischen laufen Hühner umher, und Kinder spielen Fangen. „Die Waffen wurden unter UN-Aufsicht mit Lasern zerstört“, sagt der 56-Jährige. „Ihr könnt die Schmelzspuren noch erkennen.“ 

Cinquera ist ein lebendes Museum und ein Modell für nachhaltige Entwicklung. In den 1980er Jahren befand sich hier ein Zentrum der Kämpfe, die Einheimischen wurden vom Militär vertrieben – oder gingen in den Untergrund. „Als ich ein Kind war, gab es hier noch keine Bäume“, sagt Hernández. „Wir ließen sie wachsen, um uns vor den Flugzeugen der Junta zu schützen.“ Heute steht der urwüchsige Wald unter Schutz. 

Tropische Vögel kreischen beim gemächlichen Spaziergang durch die Natur. Hernández erzählt seine Geschichte: die Arbeit auf den Feldern, seit er zwölf war. Die zunehmende Politisierung und sein Kampftraining auf Kuba. Und die langen Jahre im Guerillacamp, immer mit der Angst vor einem Angriff. „Unsere Küche war deshalb so gebaut, dass der Rauch erst Kilometer entfernt über Kanäle aus Erdlöchern entwich“, sagt Hernández. 

„1992 wurde der Friedensvertrag unterschrieben – und wir standen wie vorher ohne einen Centavo in der Tasche da“, zieht der Ranger Bilanz. „Ich selbst bin heute glücklich, aber was wir eigentlich wollten, haben wir nicht erreicht – die Bauern werden immer noch ausgebeutet. Jetzt führen wir einen anderen Krieg: nicht mit Kugeln, sondern mit Worten. Deshalb will ich meine Erfahrungen hier weitergeben.“

Am Wochenende trifft sich die Landbevölkerung im nahe gelegenen Suchitoto, dem schönsten Kolonialstädtchen des Landes. Die vergangenen Jahrzehnte scheinen hier kaum Spuren hinterlassen zu haben: baufällige Häuschen lehnen sich aneinander, blühende Bougainvilleas ranken über hohe Mauern, enge Gassen mit Kopfsteinpflaster enden am Waldrand oder ziehen sich hinab zum Stausee von Suchitlán. 

Abends brodelt der Platz vor der frisch geweißten Dorfkirche vor Leben: Lange Schlangen warten vor den Ständen mit Sandwiches, auf den Bänken kuscheln junge Paare, dreirädrige Tuktuks holpern über das brüchige Kopfsteinpflaster. Kinder drehen im Karussell ihre Runden auf Tierfiguren in Bonbonfarben. In der Maismühle an der nächsten Ecke decken sich Frauen mit Schüsseln auf dem Kopf noch mit Tortilla-Teig für den Sonntag ein. Ein friedlicher Abend in El Salvador – die Probleme des Landes liegen heute in weiter Ferne.