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Reportagen

Kretas Wilder Westen

Vom Gipfel des Stavros reicht der Blick auf das Kretische und das Libysche Meer.

Vom Gipfel des Stavros reicht der Blick auf das Kretische und das Libysche Meer.

© Norbert Eisele-Hein

Der Weg zum Kloster Faragia führt durch pink blühenden und herrlich duftenden Oleander.

Der Weg zum Kloster Faragia führt durch pink blühenden und herrlich duftenden Oleander.

© Norbert Eisele-Hein

Bikeschuhe aus und ab in die Fluten – die Badehose sollte immer mit ins Gepäck.

Bikeschuhe aus und ab in die Fluten – die Badehose sollte immer mit ins Gepäck.

© Norbert Eisele-Hein

In Elounda hängen frische Calamari ordentlich aufgereiht an der Wäscheleine.

In Elounda hängen frische Calamari ordentlich aufgereiht an der Wäscheleine.

© Norbert Eisele-Hein

Das Homo-Sapiens-Museum oberhalb der Lassithi-Ebene

Das Homo-Sapiens-Museum oberhalb der Lassithi-Ebene beherbergt ein herzerfrischendes Sammelsurium von Exponaten.

© Norbert Eisele-Hein

Als Badeziel ist Kreta längst bekannt. Doch dass die Insel auch Trailperlen für Stahlross-Indianer bietet, wäre ohne die gewaltige Pionierarbeit der beiden Eidgenossen Martin und Barbara Gernet wohl auf immer verborgen geblieben. 

Norbert Eisele-Hein (Bilder und Text)

Wäre Martin Gernet nicht so ein begeisterter Radfahrer, tja, dann wäre er wohl Rodeo-Cowboy geworden. Denn wenn er nicht gerade in Radhosen steckt oder mit der Montageschürze in der Radwerkstatt verschwindet, kleidet sich der turbofitte, jugendlich wirkende 60-Jährige am liebsten in Wes-ternklamotten. Mit Cowboy-Hemd, Jeans und richtig verschärften Boots. „Die Stiefel hatte er sogar bei unserer Hochzeit an …, allerdings zu einem schönen Anzug“, offenbart seine Frau Barbara schmunzelnd. Sie ist die gute Seele des „Hotels Sunlight“, kümmert sich rührend um die Gäste. Wann immer es geht, bikt sie mit. 

Bilderbuch-Canyons wie im Cowboy-Land

„Amerika, Cowboys und Indianer haben mich seit frühester Kindheit begeistert, sämtliche Karl-May-Bände habe ich verschlungen“, gesteht Martin.  Schon beim Blick über die Poolterrasse seines Hotels wird klar, warum ein Cowboy auch auf Kreta glücklich werden kann. Vis-a-vis der Bucht von Agios Nikolaos wächst das Thripti-Gebirge direkt aus dem Meer. 

Beim Ha-Canyon wirkt das Massiv, als hätte es Zeus mit einem Blitz gespalten. Auf seinem Rücken führen wunderbare Bikepfade zu Tal. Dahinter schließt sich die Lassithi-Hochebene an, ein fruchtbares Hochplateau umrahmt von bis zu 1500 Meter hohen Gipfeln. Dort oben leuchten die Schneefelder häufig bis in den Mai hinein. Wahrlich, Kreta ist Cowboy-Land:  vier mächtige Gebirgsrücken mit 60 Gipfeln über 2000 Metern Seehöhe und jede Menge Bilderbuch-Canyons bescheren traumhafte Trails zu Bilderbuchstränden. Die Badehose muss also immer mit in den Rucksack. 

Unsere erste Tour „Selakano“ läuft unter Level 4, dem höchs-ten Level. Das heißt: Schweiß, Schmerz und großen Durst bis hinauf zum monströsen Gipfelkreuz des Stavros. Über vom Wind zerfetzte, locker 25 Meter hohe Schwarzkiefern reicht der Blick zu beiden Küsten Kretas. Ierapetra, die südlichste Stadt Europas, strahlt an den sichelförmigen Badebuchten des Libyschen Meeres. Im Nordosten sehen wir unseren Startort Agios Nikolaos am Kretischen Meer. 

Das Sahnehäubchen liefert die Abfahrt. Steil und lenkerbreit, kaum verblockt, schlängelt sich der Pfad durch die Monsterkiefern. Nur hin und wieder queren wir  geschotterte Forststraßen. Hügelig und mit herrlichem Flow führt der Trail entlang vieler Felder und abschüssiger Olivenbaum-Wäldchen runter nach Anatoli.  

Der Ort ist eine lebendige Postkarte: weiß gekalkte Kuben mit bunt gestrichenen Türen  und Fensterrahmen, eine schmucke Kirche und ein kunstvoll errichteter Steinbrunnen. Das eiskalte Quellwasser daraus ist ein Gedicht.  Auf dem Dorfplatz gruppieren sich die alten Kreter auf windschiefen, bastbespannten Holzstühlen vor dem Kafenion. Mit ihren sonnengegerbten Gesichtern und mächtig ausladenden Schnauzbärten hypnotisieren sie förmlich ihren tiefschwarzen Mokka. Wir schlürfen lautstark einen eisgekühlten Café Frappé, strecken die Beine unter den Tisch, hängen den Helm an die Stuhllehne. Wenn nicht hier in der Heimat Alexis Sorbas’, wo sonst soll einen die Muse küssen?

Stetig neue Trails schaffen

Die beiden Schweizer Martin und Barbara leben seit 1995 auf Kreta, hatten ihre erste Bikesta-tion in der Nähe von Heraklion. Dort, in Zentralkreta, hatten sie 35 Touren im Portfolio. Doch 2006 zog es sie nach Lenika bei Agios Nikolaos, „weil es die Postkartengegend Kretas ist“, wie Martin findet. Knappe 15.000 Einwohner, alles hübsch ruhig, keine Staus. Das nahe Elounda entwickelt sich sogar immer mehr zur Côte d’Azur Kretas. Viele Industrielle und A-Promis wie Lady Gaga haben sich bereits ihre Traumgrundstücke reserviert und bestätigen die Einschätzung Martins. 

Der ist ein rastloser Tüftler. Beständig sucht und feilt er mit eidgenössischer Akribie an neuen Trails. Beim Raki, dem typisch kretischen Tresterschnaps (ähnlich dem italienischen Grappa), verhandelt er mit den Bauern über neue Trailoptionen durch die Olivenhaine. Für seine Kroustas-Tour zog er zig Mal mit der Säge und der Gartenschere los. Wer mit Martin und seinen Guides unterwegs ist, der findet nicht nur handverlesene Trailperlen, sondern macht auch in der Taverne einen guten Schnitt. Im „Canali“, einem top Fischres-taurant auf seiner Kroustas-Tour, hat er die Fischplatte für 10 Euro ausgehandelt. Andere Gäste zahlen dort laut Speisekarte das Doppelte.

Abfahrten vom Feinsten

In der Saison bietet Martin täglich vier Biketouren auf verschiedenen Levels in sieben Gebieten und ein ganzes Sammelsurium von handverlesenen Rennradtouren an. Stammkunden kann er zusätzlich seine 35 Touren in Zentralkreta offerieren. Eine davon führt in die einstige Hippie-Hochburg von Matala.

Wir starten in Platanos und rauschen in weiten, sandigen Kehren mit vielen sportlichen Anliegern Richtung Agia Faragia, dem südlichsten Zipfel Kretas. Die Küstenberge wirken unbezwingbar, aber wer es weiß, findet mittendrin einen kleinen Spalt im Felsmassiv. Dieser Mini-Canyon dient im Frühjahr als Ablauf und sammelt jede Menge fruchtbarer Erde. Kurz nach Ostern explodiert die Schlucht in psychedelischem Pink.

Gerade mal lenkerbreit führt ein Gedicht von Trail schnurstracks durch den Urwald aus bis zu fünf Meter hohem, blühendem Oleander. Pink ringsherum und der Geschmack von einem Humpen Weichspüler im Atemsystem lassen die Glückshormone Sirtaki tanzen. Der Trail zirkelt weiter durch ein großartiges Felsenkino, vorbei am Kloster Faragia und landet direkt am Strand. Dort hausen ein paar Alt-Hippies in einer riesigen Höhle, und eine Handvoll Freeclimber baumelt über dem azurblauen Meer – wow! Zurück in Matala schultern wir die Bikes noch in einer Hauruck-Aktion auf den felsigen Übergang zum Red Beach. Die Viertelstunde Bizepstraining rentiert sich. Wartet dort oben doch eine Abfahrt vom Feinsten. 

Herrliche Serpentinen auf festem Gestein führen in eine kolossale Steilwandbucht.  Hartgepresste Sanddünen mit schneidiger Kante führen haarsträubend und adrenalinschwängernd bis kurz vor die Brandung.  Zur Krönung wartet mitten am Red Beach ein herrlich abgetakeltes Kafenion, mit knarzenden Saloontüren. Auch diese kretische Westerntour haben wir ausschließlich Martins Trailtüftelei zu verdanken.