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Medizin

Filmspule
Psychiater im Liebeswahn – ein beliebtes Filmmotiv.
© Gearstd @ istockphoto.com

Psychiatrie im Film

Das findet der schmächtige junge Mann dann doch merkwürdig. Er ist an die Seine gekommen, hat sein Tischchen aufgebaut und gedeckt – wie er es jedes Jahr macht an seinem Geburtstag …

… der 29. ist es nunmehr. Aber da ist diesmal dieser andere merkwürdige Typ auf dem weiten leeren Kai, er hat alle möglichen Sachen dabei, Kerosin, Streichhölzer, Feuerwerkskörper, und er hat sich in eine britische Flagge gewickelt.

Es ist der Wiener Seelenarzt Dr. Fritz Wolfgang Sigismund Fassbender. „Ich will meinen Psychoanalytikerkörper in Brand setzen“, erklärt er auf Nachfrage, „und flammend in die See hinausfahren wie ein Wikinger.“ Es ist die intimste, verrückteste Szene in diesem verrückten Film „What’s New, Pussycat?/Was gibt’s Neues, Pussy?“ von Regisseur Clive Donner aus dem Jahr 1965.1

Kein Thema in der Geschichte der Menschheit hat einen so hohen Stellenwert in jeder Epoche wie die Liebe. Nur Medizin und Psychologie haben (wieder einmal?) ein eher zwiespältiges Verhältnis, auch zur Liebe. Dies betrifft besonders die Psychiatrie, die Seelenheilkunde, was natürlich mit ihrem Arbeitsgebiet zusammenhängt, den Störungen im Seelenleben. Und hier ist es insbesondere der Liebeswahn (Erotomanie oder Paranoia erotica).2

Natürlich sind nicht alle Psychiater im Film im Liebeswahn, sie sind vielmehr in allen Facetten, in denen sich dieser Phänotyp äußern kann, verliebt. Als in den späten 1990er-Jahren mehr als 1.200 klinische Psychologen in Deutschland anonym befragt wurden, gaben 1,2% der Therapeutinnen und 3% der Therapeuten zu, sich schon einmal sexuell mit Klienten eingelassen zu haben.3

Das ewige Spiel mit dem Image

Die allermeisten Filme interessiert aber gar nicht das Thema der Übergriffigkeit. Sie wollen vielmehr zeigen, wie sich Psychiater zum Affen machen. Das wäre an sich nichts besonders Neues. Aber Psychiater haben als Seelendoktoren das Image (und den Anspruch?), mehr zu wissen als normale Menschen. Was ihnen in dieser Situation des Begehrens aber keinen Vorteil verschafft.

Der Übergang vom kümmernden zum lüsternen bis lächerlichen Therapeuten wird im Film graduell recht unterschiedlich dargestellt. In „Leoparden küsst man nicht“ (1938) behandelt Regisseur Howard Hawks das Thema in sehr subtiler Art und Weise. Fritz Feld bemüht sich in seiner Rolle des Psychiaters Dr. Lehman etwas zu emsig und zu aufgeregt um Katherine Hepburn. In der Vampir-parodie „Liebe auf den ersten Biss“ (Originaltitel: Love at First Bite; 1979; Regisseur: Stan Dragoti) wird Richard Benjamin als Psychiater Dr. Jeff Rosenberg ziemlich eifersüchtig auf Schönling George Hamilton alias Graf Dracula. Den Prototyp des lüsternden Psychiaters liefert aber zweifelsohne Dr. Fritz Wolfgang Sigismund Fassbender ab, eine Paraderolle für Peter Sellers.

Ungewöhnlich dunkle Wege geht die Liebe des Psychiaters Dr. Judd in dem Film „Katzenmenschen“ (Originaltitel: Cat People, 1942; Regisseur: Jacques Tourneur), der heute zu den bedeutendsten Horrorfilmen zählt. Er bezahlt seine Liebe zu seiner Patientin mit dem Leben. Sie tötet ihn. Und er sie.

Dr. Alexander Kretzschmar

Literatur: 1. Göttler F. Oh wie süß, diese Grausamkeit. SZ vom 29.09.2019; 2. Faust V. Psychosoziale Gesundheit von Angst bis Zwang. www.psychosoziale-gesundheit.net/psychiatrie/liebeswahn.htm; 3. Lauer J. Alle Gefühle der Welt. FAZ vom 16.02.2013