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Medizin

PD Dr. med. Claudia Kauczok
PD Dr. med. Claudia Kauczok, Fachärztin für Dermatologie, Zusatzbezeichnung Dermatohistologie; Zentrum für Dermatohistologie und Oralpathologie, Würzburg-Tübingen
© privat

Dermatillomanie: Wenn Zupfen zwanghaft wird

Obwohl die Wechselwirkungen zwischen Psyche und Haut lange bekannt sind, ist der Forschungsstand der „Psychodermatologie“ bis heute gering. Vor diesem Hintergrund ist zu verstehen, dass sich erst langsam ein Problembewusstsein für diese psychodermatologischen Krankheitsbilder entwickelt.

Die Haut wird im Volksmund oft als „Spiegel der Seele“ bezeichnet. Auch Redewendungen, wie „das geht einem unter die Haut“, „das juckt mich nicht“ oder „das ist zum aus der Haut fahren“, weisen auf die enge Verbindung von Haut und Psyche hin. Embryologisch ist dies auch wissenschaftlich nachvollziehbar – haben doch Haut und Zentrales Nervensystem einen identischen entwicklungsgeschichtlichen Ursprung und bilden sich beim Menschen aus den gleichen Anlagen aus. Bereits im Jahr 1895 beschrieb der Chirurg Erasmus Wilson das Krankheitsbild Acne excoriée. Durch „nervöses Manipulieren“ infolge von Knibbeln und Kratzen der Haut treten Entzündungen, Rötungen und Narben auf.  Heute wird dieses Manipulieren als Dermatillomanie oder „Skin Picking Disorder“ bezeichnet. Die Zahl der Betroffenen dürfte in den letzten Jahren stark zugenommen haben. In einer Gesellschaft, in der makellose Schönheit idealisiert wird, werden für nicht wenige selbst kleinste Hautunreinheiten zum Problem.

Störung der Impulskontrolle

Die Dermatillomanie wird den Impulskontrollstörungen bzw. den Zwangsspektrumsstörungen zugeordnet. Etwa zwei bis fünf Prozent der Bevölkerung sind davon betroffen. Die Haut wird an distinkten Stellen gequetscht oder gekratzt auch werden kleine Hautstücke mit Werkzeugen wie Pinzetten, Nadeln, Scheren und Messer entfernt. Meistens fließt Blut, Schmerzen verspüren die Betroffenen allerdings während ihrer Prozeduren keine. Sie gehen automatisch und wie in Trance ihrem zwanghaften Drang nach, die Haut zu „bearbeiten“. Besonders häufig wird die Haut in Gesicht und Hals oder an den Händen beschädigt. Trotz Wissen um die negativen Konsequenzen dieses Verhaltens, können die Betroffenen die Manipulation nicht verhindern und hören oft nur auf, weil der Drang nachlässt oder weil sie erschöpft sind.

Besonders häufig tritt die Dermatillomanie in der späten Kindheit oder frühen Jugend auf. Die Primärdiagnose allerdings wird oft erst im Erwachsenenalter gestellt,, da betroffene Menschen oft über Jahre und Jahrzehnte aufgrund von Schuld, Scham und Selbstvorwürfen ihr Leiden verschweigen, verdecken und tabuisieren. Eine zweite Erkrankungsspitze gibt es im mittleren Erwachsenenalter, dann zumeist assoziiert mit anderen traumatischen Bedingungen oder auch basierend auf mentalen und/oder physischen Problemen. Studien konnten zeigen, dass sehr viele der Patienten zeitgleich an einer Angststörung leiden und das Manipulieren an der Haut zu einer Linderung der Symptome führt, dann aber stellen sich Reue und Schuldgefühle ein. Möglicherweise handelt es sich als hier um einen komplexen Verhaltenszyklus. Bildgebende Untersuchungen mittels Magnetresonanztomographien des Gehirns zeigten, dass bei den Betroffenen in Arealen, die in die Mechanismen der Hemmung, Aktionsüberwachung und Ausübung von Gewohnheiten eingreifen, eine vermehrte Aktivität vorherrscht.

Gefahr der Chronifizierung

Die Erkrankung verläuft phasenhaft und chronifiziert meistens, wenn sie nicht behandelt wird. Der Frauenanteil beträgt circa 60–90%, wobei die Dunkelziffer bei Männern hoch ist. Anamnestisch ist der Auslöser des schädigenden Verhaltens oft eine Kruste, ein Mückenstich, ein Hautausschlag oder ein Pickel in Verbindung mit individuellen Stresssituationen oder einem distinkten Trauma. Die Häufigkeit und die Situationen, in denen die Haut drangsaliert wird, sind sehr unterschiedlich: Manche Patienten manipulieren eher gedankenverloren z.B. in langweiligen Situationen, andere wenn sie unter Druck stehen, aber es werden auch aufwendige selbsterdachte Rituale praktiziert. Zur Einschätzung der Störung müssen eine gründliche psychiatrische Anamnese und eine sehr genaue körperliche Untersuchung erfolgen, um auch evtl. versteckte Areale der Manipulation aufzudecken.

Die Dermatillomanie ist eine komplexe, bisher pathophysiologisch unverstandene Störung. Die Therapie ist eine Herausforderung, Basis sollte eine Optimierung des mentalen Zustandes des Patienten sein mit oder auch ohne pharmakologische Unterstützung. Für die medikamentöse Therapie gibt es bisher keine klaren Richtlinien. Eine kognitive Verhaltenstherapie sowie die topische oder chirurgische Versorgung der zugefügten Verletzungen sind bisher die Hauptpfeiler. Größere Studien gibt es bisher nicht, in Fallberichten wird auch über eine Linderung und Lösung der Problematik durch die Ärztliche Hypnosebehandlung berichtet.

PD Dr. med. Claudia Kauczok
www.dermatohistologie-wuerzburg.de