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Das ASCO Annual Meeting fand vom 1. bis 5. Juni 2018 in Chicago statt – Skyline von Chicago mit Michigan-See © Arnheim

Aktuell vom ASCO in Chicago

Kaum vorstellbare 40.000 Teilnehmer besuchten Anfang Juni die Jahrestagung der -American Society of Clinical Oncology (ASCO) in Chicago. Unter dem Motto „Delivering Discoveries: Expanding the Reach of Precision Medicine“ wurden fast 6.000 Abstracts vorgestellt. Hinzu kamen zahlreiche Education Sessions und Experten-Seminare.

Gezielte Chemotherapie beim Blasenkarzinom

Patienten mit metastasiertem Urothelkarzinom (UC), die nach platinbasierter Erstlinientherapie progedient sind oder diese nicht vertragen, haben mit Checkpointblockern eine neue Option für die Zweitlinie. Prof. Jonathan Rosenberg, New York, wies jedoch darauf hin, dass die Ansprechraten auf diese Substanzen mit maximal 20% niedrig sind und weitere Strategien erforderlich machen.

Positive Daten gibt es jetzt zum Antikörper-Wirkstoff-Konjugat (ADC) Enfortumab Vedotin (EV):  Über den humanisierten monoklonalen Antikörper wird das ADC an das transmembranäre Zelladhäsionsmolekül Nectin 4 gebunden, das in >90% aller metastasierten UC überexprimiert ist. Nach Internalisierung in die Tumorzelle wird Monomethyl-Auristatin E, ein Inhibitor der Tubulin-Polymerisierung, freigesetzt, sodass Nectin-4-positive Tumorzellen gezielt abgetötet werden. Die Daten zum ADC stammen aus der Phase-I-Studie EV-101 an 151 teilweise intensiv vorbehandelten Patienten mit metastasiertem UC.

Fast alle Patienten sprachen auf EV mit einer Tumorschrumpfung an. Die Gesamtresponserate betrug 41%, darunter 4% CR. Bei weiteren 30% wurde eine Tumorstablisierung erreicht, sodass sich die Tumorkontrollrate auf 71% addiert. Remissionen traten nach median 1,7 Monaten ein und hielten median 5,8 Monate an. Das Ansprechen war unabhängig von einer Vortherapie mit Checkpointblockern und Lebermetastasen. Das progressionsfreie Überleben (PFS) liegt bei median 5,4 Monaten. Die OS-Daten sind derzeit noch vorläufig, mit median 13,6 Monaten jedoch vielversprechend. EV wurde zudem generell gut vertragen; Fatigue war mit einer Rate von 54% die häufigste substanzbedingte Toxizität.

Auf Basis der positiven Ergebnisse hat die Federal Drug Administration dem ADC bereits den „Breakthrough Therapy Designation Status“ zuerkannt. Die Substanz wird jetzt in einer zulassungsrelevanten Phase-II-Studie bei mit Checkpointblockern vorbehandelten UC-Pa-tienten und in einer Phase-III-Studie versus eine Chemotherapie geprüft.

Zögerlicher Biosimilar-Einsatz beim Non-Hodgkin-Lymphom (NHL)

Rituximab ist das beim NHL am häufigsten eingesetzte Medikament und wird hier als Monotherapie oder im Rahmen von Kombinationen verabreicht, erinnerte Dr. Alessandra Franceschetti, London. Mittlerweile wurden mehrere Biosimilars des monoklonalen Antikörpers entwickelt. Um zu klären, wie Onkologen die neuen Biosimilars annehmen und welche Patienten bevorzugt damit behandelt werden, analysierte Franceschettis Arbeitsgruppe die Verschreibungsdaten von 97 onkologisch tätigen Ärzten und 640 NHL-Patienten zwischen Juli und September 2017 in fünf europäischen Ländern.

In diesem Zeitraum blieb das Rituximab-Original das am häufigsten verordnete Präparat: Insgesamt erhielten 77% der Patienten Rituximab, davon 70% das Original und nur 7% eines der Biosimilars. Letztere kamen vor allem in Deutschland (14%) und Großbritannien (13%) zum Einsatz. Die neuen Antikörper wurden bevorzugt in späteren Therapielinien verordnet: In der ersten Linie bekamen 11% der deutschen und britischen NHL-Patienten, in der zweiten 18% und in den weiteren Linien bereits 30% ein Biosimilar.

Auch war die Wahrscheinlichkeit für den Biosimilar-Einsatz bei Patienten mit besserem Gesundheitszustand (ECOG 0-1) und ohne Begleiterkrankungen höher als bei Patienten mit ECOG Performance-Status ≥2 (93% vs. 82%) und mit Komorbiditäten (52% vs. 31%). Außerdem wurden die Biosimilars bevorzugt bei indolenten Lymphomen und beim follikulären Lymphom eingesetzt. „Ärzte verwenden die Biosimilars also zunächst vorsichtig vor allem bei prognostisch günstigen Patienten“, resümierte Franceschetti.

Effektive Erhaltungstherapie beim Rhabdomyosarkom

Mit nur 320 Neudiagnosen pro Jahr in der EU ist das Rhabdomyosarkom (RMS) ein sehr seltener, aber aggressiver Tumor im Kindesalter. Dank der modernen intensiven Therapie können heute zwar bis zu 80% der Betroffenen geheilt werden. Prof. Gianni Bisogno, Padua, wies jedoch darauf hin, dass die Prognose rezidivierter Patienten trotz Salvagetherapien ungünstig ist.

Die European Pediatric Soft Tissue Sarcoma Study Group (EpSSG) initiierte daher die Phase-III-Studie RMS2005, um den Stellenwert einer niedrig dosierten Erhaltungstherapie mit Vinorelbin/Cyclophosphamid (VNL/CPM) zu prüfen. Die Studie umfasste 371 nicht vorbehandelte Patienten mit Hochrisiko-RMS ohne Nachweis von Metastasen, die nach intensiver Standardtherapie in kompletter Remission (CR) waren. Sie wurden randomisiert dem experimentellen Arm mit VNL/CPM über sechs Monate oder dem Standardarm ohne Erhaltung zugeteilt.

Nach einem medianen Follow-up von 60 Monaten war der primäre Endpunkt erreicht: Die 5-Jahresrate für das krankheitsfreie Überleben war dank der Erhaltungstherapie mit 77,6% deutlich höher als im Standardarm mit nur 69,8% (HR 0,68; p = 0,0613). Auch die 5-Jahresrate des Gesamtüberlebens (OS) wurde durch das VNL/CPM-Regime um absolut 13% verbessert (86,5% vs. 73,7%; HR 0,52; p = 0,011).

Die Therapieadhärenz im Studienverlauf bezeichnete Bisogno als gut: Über 90% der Patienten konnten die Behandlung abschließen. Auch die Toxizität der Erhaltungstherapie war akzeptabel: Die Myelosuppression war geringer als während der intensiven Standardtherapie; auch Infektionen traten seltener auf. Die Studie RMS2005 habe damit einen neuen Standard etabliert, resümierte Bisogno: „Die Erhaltungstherapie mit VNL/CPM ist eine neue, effektive und verträgliche Strategie für Patienten mit Hochrisiko-RMS in radiologischer CR.“

Immunkombination beim Melanom?

Checkpoint-Inhibitoren sind heute eine unverzichtbare Komponente in der Therapie des metastasierten Melanoms. Um die Effektivität dieser Strategie noch zu steigern und Tumoren daran zu hindern, der Immunüberwachung zu entkommen, werden mittlerweile Kombinationsstrategien geprüft. Als vielversprechender Partner bot sich der IDO-Inhibitor Epacadostat an. Das Enzym IDO-1 (Indoleamin-2,3-dioxygenase 1) ist am Abbau von Tryptophan (Trp) im Kynurenin-Weg beteiligt, erklärte Prof. Georgina Long, Sydney. Bei sinkendem Trp-Spiegel und gleichzeitigem Anstieg von Kynurenin stellt sich im Tumormikromilieu ein Shift hin zur Immunsuppression ein. Epacadostat ist ein potenter kompetitiver Inhibitor von Trp und blockiert so den Abbau dieser Aminosäure.

Die positiven Daten zur Kombination von Epacadostat mit Pembrolizumab aus der Phase-I/II-Studie ECHO-202/KEYNOTE-037, in der eine Gesamtansprechrate von 55% erreicht wurde, konnten allerdings in der Phase-III-Studie ECHO-301/KEYNOTE-252 nicht bestätigt werden. Sie umfasste 701 Patienten mit inoperablem Melanom (Stadium III/IV) und verglich die Kombination mit der Pembrolizumab-Monotherapie. Beim primären Endpunkt schnitten beide Arme mit median 4,7 bzw. 4,9 Monaten nahezu identisch ab.  Auch konnte keine Subgruppe identifiziert werden, die stärker von der Kombination profitierte. Der OS-Median ist in beiden Armen noch nicht erreicht; doch verlaufen die Ereigniskurven praktisch deckungsgleich. Auch die Ansprechraten sind mit 34,2% im Kombinations- und 31,5% im Standardarm ähnlich. Das externe Data Monitoring Committee empfahl daher den Abbruch der Studie. Derzeit laufen weitere Analysen, um das Ergebnis besser zu verstehen.

Dr. Katharina Arnheim

Quelle: 2018 ASCO Annual Meeting, Chicago, 1. bis 5. Juni 2018