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Medizin

Cannabisblüte
Cannabinoide verbessern den Appetit und erhöhen das Geruchs- und Geschmacksvermögen, führen aber auch zu einer schelleren Sättigung.
© Colourbox

Unkonventioneller Kampf gegen Tumorkachexie

Obwohl extrem belastend und nicht selten letal, gehört die Kachexie zu den Stiefkindern der Onkologie. Dabei ist sie häufig vermeidbar. Bericht vom AGSMO-Jahreskongress 2019 in Berlin.

Dr.Timo Niels (Köln) stellte aus einer Anzahl an Literaturangaben die Definition für tumorassoziierte Kachexie zusammen. Danach ist sie eine metabolische Dysregulation mit Körpergewichts- und Muskelmasseverlust,  Funktionsein-schränkungen  im Alltag , verringerter Lebensqualität, schlechtem Ansprechen auf medizinische Therapieschritte, höheren Komplikationsraten während der Therapie,  verringerter Lebenserwartung und eingeschränkter Prognose. Vielfach treten periphere Sensibilitätsstörungen an Hand und Fuß, und Fatigue auf. Das Erscheinungsbild ist insgesamt äußerst heterogen,  insbesondere dann, wenn aggressive Chemotherapeutika (z. B. Doxorubicin) bei der Krebsbehandlung eingesetzt wurden. Eine Kachexie tritt erfahrungsgemäß bei bestimmten Krebserkrankungen wie gastrointestinalen Tumoren, Lungen-, Bronchialca.  Colonca, Mammaca., multiplen Myelom eher auf als bei anderen. Niels erklärte, die Kachexierate liege bei 50% der Krebserkrankungen, steige aber auf 80% bei Patienten mit fortgeschrittenen Tumorleiden, mit Metastasen, oder im hospitalisierten Zustand.

Systemisch wirkende Entzündungsreaktionen

Der typische kachektische Gewichtsverlust, der bis zum Tod führen kann, wird durch eine chronische Inflammation ausgelöst, bei der es zur Ausschüttung von proinflammatorischen und immunregulatorischen Zytokinen kommt (Tumornekrosefaktor alpha, Zytokin 6 und Interleukin 1).Sie führen zu Entzündungsreaktionen, die systemisch wirken. Hieraus resultieren ein Proteinabbau in den Muskeln, Verlust an Muskelkraft, Bewegungsmangel, Schwäche und Fatigue. Der Grundumsatz ist erhöht, der Appetitverlust mit Aversion gegen Nahrung steigt, eine Anorexie ist zu erwarten. Anämie, Insulinresistenz, Veränderung des Hormonhaushalts und die Erhöhung  typischer Entzündungsmarker werden früh ersichtlich. Kachexie wird wissenschaftlich definiert wenn in einer Klassifikation von 5 Kriterien der Patient 3 Merkmale erreicht: Patient verliert innerhalb von 12 Monaten mehr als 5% des initialen Körpergewichts; Reduktion der Muskelkraft; Fatigue, Anorexie, Bevorzugung einer fettfreien reduzierten Nahrung, Vorliegen hoher Entzündungsmarker.

Effektive Prophylaxe bereits während der Chemotherapie?

Aus all diesen Erkenntnissen stellt sich die Frage, lässt sich gegen die Tumorkachexie schon während der Krebsbehandlung eine effektive und den Patienten schonende Supportivtherapie durchführen, die die chronische Inflammation reduziert und den Beginn der Kachexie möglichst vermeidet bzw. eine bestehende Kachexie mit all ihren Symptomen verringert und dem Patienten ein vitaleres und lebenswertes Leben gewährleistet. Niels bemängelte, dass es zu diesen wichtigen Fragen in Deutschland und vielen anderen Ländern kaum aussagefähige Studien mit größerer Patientenklientel gibt sondern meist nur Studien am Tiermodell vorliegen. Er       erläuterte klinikeigene Erfahrungen als Sportmediziner an Patienten mit Kachexie und vor beginnender Kachexie. Ihnen wurde als begleitende, engmaschig kontrollierte  Behandlung auch bei einem BMI unter 20 Ausdauertraining sowie Krafttraining und Ernährungstherapie angeboten. Er berichtete z. B. von einer Patientin, ohne Kachexie, mit fortgeschrittenem Pankreaskrebs, dass sie unter Ausdauer- und Krafttraining trotz der Anstrengungen eine gute Compliance zeigte, und Metastasen wurden wieder operierbar. Mit erneuter Chemotherapie und angepasstem Training konnte die Betroffene in die Reha überführt werden. Niels meinte, selbst bei einem fortgeschrittenen, metastasierten Krebs und Kachexie sei ein angepasstes Training zu empfehlen, da die Abbauprozesse an der Muskelmasse reduziert werden, das Körpergewicht bedingt gehalten und psychischen Beeinträchtigungen entgegengewirkt werden kann. Problematisch ist die Verbesserung des Appetits, da die eingesetzte Fettaufbaunahrung von den Patienten abgelehnt wurde. Niels betrachtet die innovative  Behandlung bei Krebspatienten mit und ohne Kachexie als sinnvoll und möglich, aber die Trainingssteuerung müsse noch individueller angepasst werden, um den Alltag der schwer kranken Patienten wieder aktiver zu gestalten.

MENAC-Studie

Ergänzend zu den Ausführungen von Niels, berichtete Prof. Dr. David Blum (Hamburg) von der 2015 an der Norwegischen Universität Trondheim mit Kooperationspartnern von Schweizer, deutschen und schottischen Tumorzentren gestarteten, bis 2020 projektierten, randomisierten Präventionsstudie zur tumorassoziierten Kachexie. Geplant ist die Aufnahme von 240 erwachsenen Teilnehmern mit fortgeschrittenen Krebserkrankungen, die eine Chemotherapie durchlaufen und zusätzlich durch Bewegungstherapie, Ernährungstherapie und antiinflammatorische Medikation unterstützt werden. Ziel der Phase II-Studie ist die innerhalb von 6 Wochen, zuzüglich im Kontrollarm nochmals 6 Wochen feststellbare Veränderung des Körpergewichts, der Muskelmasse und der körperlichen Aktivität unter der multimodalen  Behandlung.

Unter der hippokratischen Erstbeschreibung der  Kachexie „Die Erkrankung ist ein tödlicher Muskelverlust“  stand die MENAC-Studie und befasste sich mit den Entzündungsreaktionen, dem erhöhten Grundumsatz, der Tumorerkrankungen kennzeichnen. Untersucht wurden Fettabbau, Fettstoffwechselveränderungen, Mukositis, die die Nahrungsaufnahme verhindert, Knochenschmerzen, Schwäche und Depression.  Blum nannte für dieTherapie des Muskelmasseabbaus NSRA (Ibuprofen), TNF alpha, Steroide zur Anregung des Appetits (Langzeitgabe führt zum Muskelabbau), Cannabinoide (sie führen zu verbessertem Appetit und erhöhen das Geruchs- und Geschmacksvermögen, allerdings tritt auch ein unerwünschtes stärkeres Sättigungsgefühl auf). Die Patienten nahmen in der Studie an 3x wöchentlichem Krafttraining und 2x wöchentlichem Ausdauertraining teil. Insgesamt zeigte die Studie eine nur 50%ige Compliance, das Gewicht wurde im Interventionsarm ausreichend gehalten ebenso die Muskelmasse, als suboptimal wurde die fettreiche Trinknahrung angesehen, die zu Aversionen führte. Blum bezeichnete die multimodale Therapie. auch in metastasierten Krebsstadien als sinnvoll, sicher und durchführbar. In einzelnen Kriterien sollte sie aber noch optimiert werden, um eine höhere Compliance zu erreichen.

TASTE-Studie mit Geschmacksstreifen und Geruchsstiften

Geschmacks- und Geruchsstörungen, die oft zu Nahrungsverweigerung und Kachexie bei Krebspatienten führen, werden als sehr belastend empfunden. Die Ernährungsberaterin Julia von Grundherr (Hamburg) berichtete über erste gute Erfahrungen im Rahmen der TASTE-Studie an 62 jüngeren  Krebspatienten (um die 18 Jahre) nach Chemotherapie im Verlauf einer Mamma-, Lungen –und gastrointestinalen Krebserkrankung .Ziel war es, ein Geschmacks- und Geruchswahrnehmungstraining im Rahmen einer strukturierten individualisierten Ernährungsberatung anzubieten, zur Steigerung der verminderten sensorischen Möglichkeiten. Rund 80% aller Patienten zeigten eine Mangelernährung, die mit einer reduzierten Geschmacks- und Geruchswahrnehmung korrelierte. Studienziel war die Verbesserung der objektiven Geschmackswahrnehmung um 2 Taste Strip-Punkte bei wenigstens 50% der Patienten der Interventionsgruppe. Dies gelang bei 92% der Patienten unter Training. TASTE offenbarte, dass es Probleme beim Salzempfinden gab, ferner waren Patienten mit einer trockenen Mundschleimhaut nach Chemotherapie schwieriger in ihren Geruchswahrnehmungsstörungen zu behandeln. Oft stimmten objektive und subjektive Geruchswahrnehmung ( weniger  Geschmackswahrnehmung) überein. Die Referentin hoffte auf eine für die Zukunft geplante effektivere Evaluierung der Studienergebnisse in einer randomisierten, kontrollierten TASTE II-Studie.

Dr. Barbara Nikolaus

Quelle: Körperliches Training bei Tumorkachexie, Plenarsitzung 1, AGSMO Jahreskongress 2019 „Supportive Therapie bei Krebs“, Berlin, 16. 3. 19