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Onkologie

ASH 2019 in Orlando, Florida
Mehr als 30.000 registrierte Teilnehmer konnten bei der ASH-Jahrestagung im Dezember 2019 in Orlando, Florida gezählt werden – mehr als 1.000 von ihnen kamen aus Deutschland.
© Monika Walter

ASH 2019: Highlights aus Orlando

Leukämien, Lymphome, Myelome, VTE und Sichelzellanämie standen im Fokus der ASH-Jahrestagung im Dezember 2019 in Orlando, Florida, Aus den knapp 6.000 Abstracts haben wir einige Highlights für Sie ausgewählt.

BiTe-Antikörper verbessert Überleben von Kindern mit rezidivierter B-ALL

Eine Studie, die als eines von insgesamt 6 Late-Breaking-Abstracts ausgewählt wurde, untersuchte Blinatumomab, ein bispezifisches T-Cell-Engager-Antikörper-Konstrukt, bei Kindern mit akuter lymphoblastischer Leukämie (B-ALL).  Die Untersuchung von Brown et al. ist die erste, die den Nutzen von Blinatumomab bei rezidivierten pädiatrischen B-ALL-Patienten mit minimaler Resterkrankung (MRD) nach einer anfänglichen Chemotherapie bestätigt. Diese Patienten sind häufig nicht in der Lage, eine Knochenmarktransplantation durchzustehen und haben eine schlechte Prognose. Die Aufnahme in die Studie wurde vorzeitig gestoppt, nachdem eine Zwischenanalyse die Vorteile von Blinatumomab deutlich machte: Nach einer mittleren Nachbeobachtungszeit von 1,4 Jahren war die Rate an progressionsfreiem Überleben (PFS) sowie die Gesamtüberlebensrate von Patienten unter Blinatumomab signifikant höher als unter einer Standardchemotherapie (59% vs. 41% bzw. 79% vs. 59%); außerdem konnten mehr Blinatumomab-Patienten einer Transplantation unterzogen werden (73% vs. 45%). Blinatumomab wies dabei signifikant weniger Nebenwirkungen auf als die Standardchemotherapie.

Erfolgreiche Erhaltungstherapie bei AML mit oralem Azacitidin

Seit Jahrzehnten wird Prof. Andrew H. Wei, Melbourne, Australien, zufolge ohne Erfolg versucht, die Rolle von Erhaltungstherapien auf das Gesamtüberleben (OS) von älteren Patienten mit neu diagnostizierter akuter myeloischer Leukämie (AML), die sich nach einer Standardinduktionschemotherapie in Remission befanden, zu validieren. Einem weiteren Late-Breaking-Abstract zufolge konnte jetzt für eine orale Form der Azacitidin-Therapie (CC-486) erstmals eine statistisch signifikante und klinisch bedeutsame Verbesserung von OS und rezidivfreiem Überleben bei diesen Patienten gezeigt werden: 472 AML-Patienten im Alter von 55 bis 86 Jahren mit mittlerem oder niedrigem zytogenetischen Risiko wurden im Rahmen der QUAZAR AML-001-Studie innerhalb von vier Monaten nach Erreichen einer vollständigen Remission randomisiert mit CC-486 oder Placebo – jeweils plus Best Supportive Care – bis zum Rezidiv behandelt. Nach einer mittleren Nachbeobachtungszeit von 41,2 Monaten war bei den CC-486-Patienten das Sterberisiko um 31% niedriger als unter Placebo (medianes OS 24,7 vs. 14,8 Monate). Die häufigsten unerwünschten Ereignisse Grad ≥ 3 oder 4 waren Neutropenien, Thrombozytopenien und Anämien.

Rezidiviertes/refraktäres LBCL: Deutlich verbesserte Prognose unter Axicabtagen-Ciloleucel

Ein weiteres wichtiges Thema beim ASH 2019 war die CAR-T-Zelltherapie: Bei dieser Therapie werden autologe T-Zellen genetisch so modifiziert, dass sie einen tumorspezifischen chimären Antigenrezeptor (CAR) auf ihrer Oberfläche tragen. Nach der Reinfusion leiten die CAR-T-Zellen die Apoptose und Nekrose der erkannten Zielzellen ein. Axicabtagen-Ciloleucel (Axi-cel) ist eine gegen CD19-exprimierende Tumorzellen gerichtete CAR-T-Zelltherapie, die aufgrund der Daten der ZUMA-1-Studie (Kohorten 1 und 2) zur Behandlung von erwachsenen Patienten mit einem rezidivierten/refraktären (r/r) großzelligen B-Zell-Lymphom (LBCL) zugelassen ist. Beim ASH 2019 vorgestellte Daten machen deutlich, dass Patienten von einer Behandlung mit Axi-cel im Vergleich zu bisher verfügbaren Salvage-Regimen mit einer erheblich gesteigerten Gesamtüberlebensrate profitieren können. Diesen Schluss lässt ein deskriptiver Vergleich der Ergebnisse von ZUMA-1-Studie (Kohorte 1 und 2) und SCHOLAR-1-Kohorte zu. In dieser retrospektiven Analyse von 497 r/r LBCL-Patienten, die mit den bisher verfügbaren Salvage-Regimen behandelt wurden, lag die Gesamtüberlebensrate nach zwei Jahren bei 12%, unter Axi-cel dagegen bei 50 % (Hazard Ratio 0,27). Für die Kohorten 1 und 2 der ZUMA-1-Studie liegen außerdem die 3-Jahresdaten vor, die die anhaltende Effektivität von Axi-cel unterstreichen: Nach einem medianen Follow-up von 39,1 Monaten lag die Gesamtüberlebensrate bei 47%. Einer aktuellen Auswertung der zulassungsrelevanten ZUMA-1-Studie (Kohorte 4) zufolge scheint außerdem eine frühe Steroidgabe das Nutzen-Risiko-Profil der CAR-T-Zelltherapie zu verbessern.

Daratumumab + Carfilzomib und Dexamethason verzögert Progression beim Multiplen Myelom

Obwohl sich die Lebenserwartung von Menschen mit einem Multiplen Myelom in den letzten Jahren stark verbessert hat, bleibt die Erkrankung bis dato unheilbar und die Mehrheit der Patienten ist von einem Rezidiv betroffen. Da die meisten Rezidive unter der Therapie mit Lenalidomid auftreten, besteht Dr. Saad Z. Usmani, Charlotte, North Carolina, USA, Bedarf an neuen Therapieoptionen insbesondere für Patienten die unter Lenalidomid einen Rückfall erlitten haben oder auf eine Lenalidomid-basierte Behandlung nicht mehr ansprechen. In die in Orlando vorgestellte CANDOR-Studie – eine offene Phase-III-Studie – wurden insgesamt 466 Patienten eingeschlossen. Etwa einer von drei Patienten war refraktär gegen Lenalidomid. Sie wurden randomisiert mit Carfilzomib und Dexamethason oder Carfilzomib, Dexamethason und Daratumumab behandelt. Nach einem mittleren Follow-up von 17 Monaten betrug das mittlere PFS unter der Zweifachkombination 16 Monate, unter der Dreifachkombination war das PFS noch nicht erreicht. Dieser PFS-Vorteil wurde auch bei Lenalidomid-exponierten und refraktären Patienten beobachtet. Darüber hinaus war der Anteil an Patienten mit einer nach 12 Monaten nicht nachweisbaren MRD unter der Dreifachkombination fast 10-mal so hoch wie unter der Zweifachkombination (12,5% vs. 1,3%). Unerwünschte Ereignisse waren im Allgemeinen beherrschbar und die Häufigkeit von Therapieabbrüchen aufgrund dieser Ereignisse war in beiden Gruppen vergleichbar.

Zugang zu Studien für alle gewährleitet?

Im Themenfeld Teilhabe wurde untersucht, ob bestimmte Patientengruppen beim Einschluss in klinische Studien diskriminiert werden. Die verschiedenen auf dem ASH 2019 dazu präsentierten Daten zeichnen ein gemischtes Bild inwieweit sich Demografie und sozioökonomischer Status auf den Zugang zu klinischen Studien und zu wirksamen Behandlungen für Patienten mit hämatologischen Erkrankungen auswirken: Einige Untersuchungen ergaben, dass ethnische Minderheiten und ältere Patienten von Krebsbehandlungen in ähnlicher Weise profitieren wie andere Patientengruppen. Weitere Studien zeigten jedoch, dass in Bezug auf den Zugang zur Versorgung und die Behandlungsergebnisse weiterhin erhebliche Disparitäten bestehen.

DOACs plus ASS – mehr Schaden als Nutzen

Aufhorchen ließ eine Studie, an der Patienten mit Vorhofflimmern oder venösen Thromboembolien (VTE) in der Anamnese teilnahmen: Die Einnahme von Acetylsalicylsäure (ASS) zusätzlich zu einem direkten oralen Antikoagulans (DOAC) war mit mehr Blutungsepisoden bei vergleichbaren Raten an Schlaganfällen, VTE und Herzinfarkten im Vergleich zu einem DOAC alleine assoziiert. Bei nahezu einem Drittel der in die Studie eingeschlossenen Patienten (n=2.045) gab es dabei keine klare Indikation für die Einnahme von ASS wie z.B. einen kürzlich erlittenen Herzinfarkt. Prof. Dr. Jordan Schaefer, Ann Arbor, Michigan, USA, rief deshalb dazu auf, bei der Addition von ASS oder der Fortführung der ASS-Gabe zusätzlich zu einem DOAC das relative Risiko und den potenziellen Nutzen für den Patienten genau abzuwägen.

Perspektiven für Patienten mit Sichelzellanämie

Traditionell widmen sich beim ASH zahlreiche Präsentationen dem Thema Sichelzellanämie. Im Fokus 2019 stand u.a. das Protein Nuclear Factor I X (NFIX), mit dem man versucht, die Entstehung fehlerhafter Erythrozyten zu reduzieren. So produzieren Menschen mit einer Sichelzellanämie in Erythroblasten (Vorläufer der Erythrozyten) ein fehlerhaftes Hämoglobin, wodurch die roten Blutkörperchen verformt werden und ihre Funktion nicht einwandfrei erfüllen können. Das von fetalen Erythrozyten hergestellte fetale Hämoglobin bildet dagegen gesunde rote Blutkörperchen. Derzeit wird u.a. über NFIX wird nach Wegen gesucht, um zu erreichen, dass sich adulte wie fetale Erythroblasten verhalten und normale rote Blutkörperchen produzieren. Eine in Afrika durchgeführte Studie demonstriert darüber hinaus, dass orales Arginin die Linderung von Sichelzellanämie-bedingten schweren Schmerzepisoden verbessern und die damit verbundenen Hospitalisierungen reduzieren kann.

Monika Walter

Quelle: 61. Jahrestagung der American Society of Hematolgy vom 7. Bis 10. Dezember 2019 in Orlando/Florida