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01.01.2018

Wolkenkratzer statt Windmühlen – Rotterdam kommt ganz »groos« raus.

Robert B. Fishman (Bilder und Text)

Hollands Schmuddelkind hat sich herausgeputzt. Wo einst Seeleute in Hafenspelunken ihre Heuer versoffen, wachsen bis zu 50 Stockwerke hohe Wohntürme in den Himmel. Europas größter Hafen zieht immer weiter die Neue Maas hinunter Richtung Meer. Auf den frei gewordenen Grundstücken toben sich berühmte Architekten und kreative Unternehmensgründer aus. Wegen dieser Mischung zählt der Reiseführer »Lonely Planet« Rotterdam neuerdings auch zu den zehn sehenswertesten Städten der Welt. 

»Das Schöne an dieser Stadt ist, dass sie nicht so holländisch ist«, scherzt Architektin Simone Gorosics. In der Stadt höre man alle Sprachen dieser Welt. »Holländisch eher selten.« Menschen aus 170 Nationen wohnen in der zweitgrößten Stadt der Niederlande mit ihren rund 650.000 Einwohnern. Statt Windmühlen Wolkenkratzer, Würfelbauten aus der Nachkriegszeit statt Altstadt mit Grachten, ein Millennium Tower am nagelneuen  Hauptbahnhof Rotterdam Centraal mit seinem keilförmigen Dach. 

Alles im Wandel

Simone Gorosics berät in ihrem Blog »Nach Holland« Deutsche, die in die Niederlande übersiedeln wollen. Vor 16 Jahren zog sie wegen des Jobs nach Rotterdam. Damals hatte der Wandel begonnen. Das raue, hässliche Entlein der Niederlande fing an, sich schön zu machen. Man brauchte Fachleute, die an den kühnen Träumen von Hollands ewig Zweiter mitbauen wollten: eine Drahtseilbrücke über die Neue Maas zu Füßen des höchsten Wohnturms landesweit, die 44 Etagen hohe »vertikale Stadt« De Rotterdam von Rem Koolhaas und andere Luftschlösser. Dann kam die Krise, und viele andere Projekte wurden erst mal auf Eis gelegt.

Seit 2007 warten die Pläne auf Geldgeber, zum Beispiel für Katendrecht, eine Halbinsel im Rotterdamer Bezirk Feijenoord. Der Weg dorthin führt über die 1996 erbaute Erasmusbrücke nach Kop van Zuid. »Schwanenhals« nennen sie das geschwungene Bauwerk wegen der eleganten Form und des weißen Anstrichs. Im Abendlicht scheint die Brücke an ihren Stahlseilen über der Neuen Maas zu schweben. Drüben verschwimmen die glatten Fassaden der Hochhäuser mit den tief hängenden Wolken. Erhalten geblieben ist beim Umbau der Halbinsel das »Hotel New York«. In seiner Mischung aus Jugendstil und Art déco ist es aus der Zeit gefallen. »Holland-Amerika Lijn« steht in goldener Schrift über dem Eingang. Bis in die 1960er Jahre brachen hier Hunderttausende in die Neue Welt auf. Im Keller haben Barbiere unter einer Stuckdecke ihr Quartier aufgeschlagen. In bald 100 Jahre alten Stühlen verpassen sie ihren Kunden »richtige Männerfrisuren«. Der Andrang ist groß.

Aus Krisen berappelt

Hinter dem »New York« verbindet eine Fußgängerbrücke das futuristische Kop van Zuid mit Katendrecht. Sie mündet auf einen ehemaligen Hafenkai, an dem Rotterdamer Kreative vom verschwindenden Hafen hinterlassenen Fabrikhallen neues Leben einhauchen. Aus einer der Hallen scheinen bunte Lichter. Drinnen, in der »Fenix Food Factory«, sieht es aus wie auf einem Markt. An einem Stand backen junge Leute frisches Brot, an einem anderen holt jemand Pizza aus dem Ofen. Mittendrin verkauft hinter bunten Gewürzhaufen ein Marokkaner mit einem roten Fes auf dem Kopf seine Spezialitäten.

Als die Holländer im Wirtschaftsaufschwung Arbeitskräfte brauchten, holten sie sich »Gastarbeiter« aus Marokko, der Türkei und anderen Ländern. Dazu kamen Einwanderer aus den ehemaligen Kolonien in Indonesien und der Karibik. Auf der Straße, in der U-Bahn, hinter den Tresen ihrer Imbissbuden mit Aufschriften wie »Surinaamse Eethuis« (surinamisches Lokal) – überall sieht man die dunkelhäutigen Gesichter aus Südostasien und von den Antillen.

Immer wieder hat sich die Hafen- und einstige Werften-Metropole aus Krisen berappelt. Am 14. Mai 1940 bombardierte die Nazi-Luftwaffe das Zentrum. Die Geschichte dazu findet sich hinter einer Stellwand in einer Ecke der Tourist-Information in der Innenstadt. Drei Tage brannte die Stadt. Kanäle und der breite Fluss, die Neue Maas, stoppten das Feuer. Brandgrens, Brandgrenze, heißt heute noch die scharfe Kante, die den Schnitt zwischen dem alten und dem neuen Rotterdam markiert. Kaum war Holland befreit, kamen Architekten aus dem ganzen Land, um an der Stadt der Zukunft zu bauen – oder dem, was sie dafür hielten: autogerechte Straßen, Bürohauskästen und Läden. Wohnen sollten die Menschen draußen im Grünen. Noch heute lebt nur etwa jeder zehnte Einwohner im Zentrum. 

Leerstand clever nutzen

Rotterdam sei dank des Hafens immer eine Stadt des Kommens und Gehens gewesen. Viele ziehen her, bleiben ein paar Jahre und verschwinden wieder. Jahrelang standen in Rotterdam viele Häuser leer. Inzwischen verkauft die Stadt unbewohnte Häuser billig an Investoren. Die müssen dort mindestens drei Jahre wohnen und das Gebäude sanieren. »Klushuizen« (Bastelhäuser) heißt das Konzept, das den Niedergang »schwieriger« Stadtteile aufhalten soll. Alternative: Anti Kraak Wonen. Damit in leerstehende Wohnungen keine Hausbesetzer einziehen, vermieten Agenturen die Räume weit unter Marktpreis zur Zwischennutzung. Will der Eigentümer verkaufen oder umbauen, müssen die Mieter raus. Und dann? »So lange sich niemand beschwert, kannst du hier fast alles machen«, hat Architektin und Tourguide Anneke erzählt. Sie zeigt Häuser, die in den deutschsprachigen Ländern keine Genehmigung bekämen. Hier schon. Was nicht passt, wird passend gemacht. Einfallsreichtum sowie eine Prise Mut und Stolz sind dabei von Vorteil.

Made in Rotterdam

»Groos« (sprich: chroos) sagten sie in Holland früher für Stolz.  Eine Handvoll Künstler und Designer haben das Wort wiederentdeckt. Jetzt heißt ihr Laden so. Dort verkaufen sie gemeinsam ihre Werke:  Sofakissen etwa, die eine der Künstlerinnen mit alten Leuten strickt, damit die sich nicht so alleine fühlen, Kinderkleidung oder notizbuchkleine Kräutergärten für den Fenstersims. Socken gibt es, Designerstühle und aus Hartpappe gefertigte Landschaftsteile für »Lego«- und »Duplo«-Steine. 

Mit viel Kreativität und dem Ziel der Nachhaltigkeit gründeten fünf Designer zum Beispiel die »Super Use Studios«. In einer ehemaligen Fabriketage entwerfen sie aus »Müll« neue Produkte: aus alten Kabelrollen werden Fassadenverkleidungen, aus Stahlresten die Inneneinrichtung für Büros und Museen oder aus Flüssigkeitstanks Toilettenhäuschen – zwei davon stehen im Jugendzentrum »Worm«, das »Super Use« komplett mit Upcycling-Produkten eingerichtet hat.

Apropos Nachhaltigkeit: Am anderen Ende der Stadt summt in einem Gewerbegebiet ein silbrig glänzender, rund sieben Meter hoher Turm vor sich hin. Durch seine Lamellen bläst er Luft in die Umgebung. Der »Smog  Free Tower« gehört dem Künstler und Designer Dan Roose-gaarde. 70 Prozent des Feinstaubs und anderen Dreck filtere die Maschine heraus, erklärt Sebastian, ein Mitarbeiter des Künstlers. Die schwarzen Rückstände pressen seine Kollegen zu Klumpen, die sie zu Schmuck verarbeiten. Ein Ring mit so einem »Dreckstück« als Stein kostet 250 Euro. Damit kaufe man 1000 Kubikmeter saubere Luft. Den »Smog Free Tower« will Roosegaarde an Städte verkaufen, die unter Luftverschmutzung leiden. Mit Peking verhandle man bereit

Info

Architektur_touren

Architour (auf Deutsch) des europaweiten Netzwerks »Guiding Architects« (www.architour.nl/architektur-fuehrungen-holland); Office for Metropolitan Information OMI (www.omirotterdam.nl) und die Touren unter urbanguides.nl 

Blog »Nach Holland«:www.nach-holland.de

Sehenswert

Markthalle (Markthal): größte überdachte Markthalle der Niederlande, beherbergt rund 100 Lebensmittelstände, 15 Food Shops und 8 Restaurants. In der Hülle liegen mehr als 200 Wohnungen und Büros (www.markthal.nl); Lijnbaan: Europas älteste Fußgängerzone (seit 1948); Van-Nelle-Fabrik: etwas außerhalb gelegen; UNESCO-Weltkulturerbe (www.vannellefabriek.com); Hafenrundfahrt:spido.nl/de; Museums- und Hotelschiff SS Rotterdam: mit Führungen, Tagungsräumen, Restaurant und Hotel (ssrotterdam.com)

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