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Medizin

Postersession beim europäischen Neurologenkongress 2018
Electronic Poster-Session auf dem EAN: Die Autoren stellen ihre Arbeiten vor.
© A. Kretzschmar

Highlights vom europäischen Neurologenkongress

Die European Academy of Neurology (EAN) hat sich aus dem Zusammenschluss der beiden früheren Fachgesellschaften ENS und EFNS erfolgreich etabliert. Auf der Jahrestagung 2018 in Lissabon wurden rund 6.000 Teilnehmer gezählt.

Schwangerschaften sind für viele Frauen mit Multipler Sklerose (MS) ein wichtiges Element ihrer Lebensplanung, auf das sie nicht verzichten wollen. Auf dem EAN wurden hierzu aktuelle Auswertungen von Schwangerschaftsregistern verschiedener MS-Medikamente präsentiert.

Schwangerschaften unter MS-Therapeutika

Galazka et al. stellten eine Auswertung von 1976 MS-Patienten unter Cladribin-Therapie und 802 Patienten in Placebogruppen aus dem Cladribin-Studienprogramm vor.1 Beim letzten Auswertungszeitpunkt waren 57 Frauen mit 64 Schwangerschaften registriert. Davon wurden 38 Frauen mit 44 Schwangerschaften mit Cladribin behandelt und 19 Frauen mit 20 Schwangerschaften mit Placebo. In der Cladribin-Gruppe gab es 18 Lebendgeburten (41%), 14 elektive Aborte (32%), neun Spontanaborte (20%). Die Rate der Spontanaborte entsprach derjenigen in der Gesamtbevölkerung. Drei Aborte waren „medizinisch“ (nicht näher erläutert) indiziert. Von zehn Frauen, deren Partner mit Cladribin behandelt wurden, hatten neun eine Lebendgeburt (ein Ausgang unbekannt).

Mit dem oralen Immunmodulator Teriflunomid wurden bis März 2018 mehr als 86.000 Patienten mit MS, entsprechend 186.000 Patientenjahren, behandelt. In der Datenbank des European Surveillance of Congenital Anomalies (EUROCAT) sind für Teriflunomid derzeit 62 Schwangerschaften mit bekanntem Ausgang registriert, die während der klinischen Studien auftraten. Es gab 22 Lebendgeburten, 30 elektive und acht spontane Aborte sowie zwei ektopische Schwangerschaften. Darüber hinaus wurden 67 Schwangerschaften in der Postmarketingphase (37 prospektiv verfolgt, 30 retrospektiv) registriert.

Bei den 62 Schwangerschaften mit bekanntem Ausgang gab es kein Signal für eine erhöhte Fehlbildungsrate. Die Rate der Spontanaborte entsprach derjenigen in der Normalbevölkerung. Im Schwangerschaftsregister von Alemtuzumab sind derzeit 256 exponierte Schwangerschaften dokumentiert. Auch hier gab es kein Signal für erhöhte Prävalenz von Fehlbildungen. Generell wird empfohlen, erst vier Monate nach der letzten Infusion von Alemtuzumab die Konzeption zu planen.2

Inzwischen ist auch das prospektive, observationelle „International Teriflunomide Pregnancy Exposure Registry“ aufgebaut werden. Dort alle Informationen über Schwangerschaften unter Teriflunomidtherapie bis zum ersten Jahr nach der Geburt gesammelt, um statistisch abgesicherte Aussagen über das Risiko von Fehlbildungen unter Teriflunomid machen zu können. Bis April 2017 waren 14 Schwangerschaften mit sechs Lebendgeburten registriert. Die Babys zeigten keine Zeichen von Fehlbildungen.3

Neue MS-Medikamente

Nach der Zulassung des Anti-CD20-Antikörpers Ocrelizumab ist eine Reihe von weiteren Anti-CD20-Antikörpern in unterschiedlichen Phasen der klinischen Entwicklung. Der monoklonale Anti-CD20-Antikörper Ofatumumab befindet

sich derzeit in der Phase III. Unter-suchungen zum Wirkprofil zeigten eine vorwiegend komplementabhängige B- Zell-Depletion, die deutlich höher ist als unter Rituximab und als Erklärung für die überlegene Wirksamkeit von Ofatumumab angesehen wird.4

Ublituximab (TG-1101) ist ein hochwirksamer durch Glycoengineering hergestellter Anti-CD20-monoklonaler-Antikörper, der nicht nur zur Therapie hämatoonkologischer Tumoren, sondern auch der rezidivierenden Multiplen Sklerose (RMS) untersucht wird. Ein Vorteil dieses Antikörpers ist seine niedrige Infusionszeit von nur rund einer Stunde. Ublituximab erwies sich in einer 52-wöchigen placebokontrollierten, multizentrischen Phase-II-Studie mit 24 RMS-Patienten als wirksam und sicher. In einer Interimsanalyse von elf von 24 Patienten blieben 87% im Studienzeitraum schubfrei, und 81% waren von einer Behinderungsprogression. Gadolinium aufnehmende Läsionen im T1-MRT wurden vollständig unterdrückt (100%). Die Nebenwirkungen waren vom Grad 1 und 2, schwere Nebenwirkungen wurden nicht beobachtet.5

Ein weiterer möglicher Kandidat, allerdings zur Therapie der Anti-MAG-Neuropathie (myelinassoziiertes Glykoprotein) ist Obinutuzumab. Der chimäre Antikörper ist bereits zur Therapie des follikulären Lymphoms zugelassen.

Refraktärer Status epilepticus

Als Late-Breaking-Abstract wurden die ersten Ergebnisse einer internationalen prospektiven Kohortenstudie präsentiert, die den neurologischen Outcome von 166 Patienten mit post-anoxischem  refraktärem Status epilepticus (RES) nach kardialem Stillstand mit Therapie nach einem aggressiven Standardprotokoll untersuchte.6 Der primäre Endpunkt umfasste das Überleben und die zerebrale Performance-Kategorie (CPC) nach sechs Monaten.

Ein nicht periodischer RSE trat bei 36 der 166 Patienten (21%) auf und wurde nach einem aggressiven Protokoll behandelt, solange keine ungünstigen prognostischen Indikatoren vorlagen. Der RSE begann im Mittel nach drei Tagen und dauerte 4,7 Tage. 76 Patienten (45,8%) zeigten ein benignes EEG, 13 (7,8%) wiesen generalisierte periodische Muster auf; maligne nicht epileptiforme EEG-Muster traten bei 41 Patienten (24,7%) auf. Die vier EEG-Muster waren eng mit unterschiedlichen prognostischen Indikatoren (niedrige Flow-Zeit, Krampfanfälle, N20-Response, erhöhte NSE-Werte und auffällige MRT-Befunde) assoziiert.

Ein Überleben mit gutem neurologischem Outcome (CPC 1 bzw. 2) nach sechs Monaten hatten 72,4% bzw. 71,1% der Patienten mit benignem EEG, 54,3% bzw. 44,4% der Patienten mit nicht periodischem EEG, 15,4% bzw. 0% der Patienten mit generalisierten periodischen Mustern sowie 2,4% bzw. 0,0% der Patienten  mit malignem, nicht epileptiformen EEG. Die Autoren folgern daraus, dass eine aggressive und verlängerte Therapie bei einem Großteil der Patienten mit nicht periodischem RSE gerechtfertigt ist.

Lerchen mit höherem Parkinsonrisiko

In einem weiteren Late-Breaking-Abstract wurde gezeigt, dass Frühaufsteher (Lerchen) ein höheres Risiko für M. Parkinson besitzen als Personen mit einem späten Chronotyp (Eulen).7 Mithilfe von Daten einer genomweiten Assoziationsstudie (GWAS) wurde das Risiko eines M. Parkinson für „Lerchen“ und „Eulen“ bestimmt. Hier schnitten die Lerchen signifikant schlechter ab. Die Autoren folgern aus dieser positiven genetischen Assoziation, dass das Parkin-sonrisiko der beiden Chronotypen kausal mit ihrem Tagesrhythmus verknüpft ist.

Late-onset-Epilepsie und Alzheimerdemenz

Patienten mit einer Late-onset-Epilepsie unklaren Ursprungs sollten routinemäßig neuropsychologisch auf kognitive Beeinträchtigungen untersucht werden, empfahl eine italienische Studiengruppe. Diese Patientengruppe besitzt ein deutlich erhöhtes Risiko einer Progression zu einer Alzheimerdemenz. Die Hazard Ratio betrug 3,4. Dies ist das Ergebnis eines Vergleichs von 40 anfallsfreien Patienten (im Mittel 70 Jahre) mit 43 Kontrollen. 53,8% der Patienten mit erhöhtem
Aß1–42 entwickelten allerdings keine kognitiven Einbußen.8

Bei Patienten mit Alzheimerdemenz finden sich Zeichen einer Dysfunktion der zirkadianen Rhythmik, noch bevor die Patienten erste Zeichen von Schlafstörungen oder sonstigen Störungen der zirkadianen Rhythmik entwickeln. In einer italienischen Studie mit 21 Alzheimerpatienten und 22 gesunden Kontrollen waren Zeitpunkt und Menge der Melatoninfreisetzung bereits in einem frühen Stadium verändert. Die Melatoninfreisetzung nach schwächer werdendem Tageslicht begann signifikant später als bei den Kontrollen (p = 0,028), auch die Melatoninmenge war signifikant geringer (p = 0,003).9     

Autor: Dr. Alexander Kretzschmar

Quelle: 4. Jahrestagung der European Academy of Neuro-logy (EAN), Lissabon, Portugal, 16. bis 19. Juni 2018

Literatur:
1  Galatzka A et al. EAN 2018, EPR1100
2 Vukusic S et al. EAN 2018, EPR3100
3 Lebrun-Frénay C et al. EAN 2018, PO2078
4 Pacheco-Fernandez T et al. EAN 2018, EPR3098
5 Fox EJ et al. EAN 2018, Abstract O331;
6 Beretta S et al. EAN 2018, Abstract O425;
7 Noyce A et al. EAN 2018, Abstract O426
8 Romoli M et al. EAN 2018, Abstract O208
9 Cremascoli R et al. EAN 2018, EPR3165