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Medizin

Neurowoche 2018 in Berlin
„L‘heure bleue“ auf dem DGN – Vorträge in ganz neuer Sichtweise
© Kretzschmar

Neurowoche: Update auf hohem Niveau

Mit mehr als 7.000 Kongressbesuchern war die Neurowoche 2018 in Berlin erneut der größte interdisziplinäre deutschsprachige Neurologiekongress. Zentrale Themen waren sensorische Verarbeitungsprozesse des Gehirns, neurologische Plastizität, Bewegungsstörungen und neurodegenerative Erkrankungen sowie innovative Therapien.

In der Alzheimerforschung gibt es seit einigen Jahren zwar Erfolgsmeldungen aus den Biomarker-Laboren bei der frühen Diagnose der Erkrankung oder zur Risikoevaluierung im präklinischen Stadium. Damit kontrastierten aber Meldungen über negative Therapiestudien, so PD Dr. Juray Kukolja, Wuppertal.1 Inzwischen kann die Therapieforschung auch mit positiven Ergebnissen aufwarten. Mit den humanen monoklonalen Antikörpern gegen beta-Amyloid (A beta) Aducanumab (Biogen), Crenezumab und Gantenerumab (beide Roche) werden einige Kandidaten in Phase-III-Studien untersucht – Tendenz eher positiv.

Vielversprechende Targets

Kukolja gab zu, dass die Entwicklung von Medikamenten gegen das Tau-Protein im Vergleich zu Medikamenten gegen die Bildung von A beta-Plaques deutlich unterrepräsentiert ist. Immerhin befindet sich in der klinischen Entwicklung (Phase II) ein gegen das Zielprotein Tau gerichteter Immunglobin-G4-Antikörper (Roche). Studienteilnehmer sind in den Studien jeweils Patienten mit Alzheimererkrankung im Frühstadium.

Ein weiteres therapeutisches Target ist die Polymerisierung von Beta-Amyloid-Peptiden zu Plaques. Hinzu kommen Medikamente, die psychotische Begleitsymptome lindern sollen, wie sie manche Alzheimerpatienten zeigen; sie sind teilweise gegen andere Krankheiten schon zugelassen.1

Die Entwicklung von Antikörpertherapien gegen die Alzheimerdemenz kommt auch anderen neurologischen Erkrankungen zugute. So befindet sich derzeit ein monoklonaler Antikörper gegen Alpha-Synuklein zur Therapie des idiopathischen Parkinsonsyndroms in der Phase II (Roche).

Konkurrenz der Therapiestrategien

In der MS-Community wächst die Zahl der Experten, die für eine Therapie nach dem Prinzip „Hit hard and early“ plädieren Gleichzeitig betonen aber die in 2017 und 2018 publizierten europäischen und amerikanischen Leitlinien ebenso wie die aktualisierten Leitlinien des deutschen Kompetenznetzes Multiple Sklerose (KKNMS) übereinstimmend die Notwendigkeit einer an die individuelle Krankheitsaktivität – mild/moderat bzw. hochaktiv – angepassten Behandlung mit einem krankheitsmodifizierenden Medikament (DMD). Diese unterschiedlichen Strategien zur MS-Therapie beruhen laut Prof. Heinz Wiendl, Münster, auch darauf, dass der behandelnde Arzt zum Diagnosezeitpunkt nur recht wenig vom individuellen Immunstatus seines Patienten kennt.2 Prof. Frauke Zipp, Mainz, bestätigte, dass „wir aktuell weder sagen können, welcher Patient rasch progredient wird, noch können wir die Progression zufriedenstellend behandeln – und schon gar nicht, wenn sie schon begonnen hat“.

Inzwischen gibt es jedoch einige positive Signale, dass diese Aussage bald zumindest teilweise überholt sein könnte. Denn für das Leichtketten-Serumfilament (sNFL) verfestigt sich die Evidenz für einen Einsatz als Marker der MS-Aktivität und -Prädiktion sowie für das Therapieansprechen.1 Zipp begrüßte, dass für Patienten mit sekundär progressiver MS (SPMS) unter dem S1P-Modulator Siponimod erstmalig eine wirksame Therapie zur Verfügung steht. Die günstigen Ergebnisse einer Phase-II-Studie wurden 2018 durch die Phase-III-Studie EXPAND bestätigt. Das Medikament reduzierte das Risiko einer Behinderungsprogression (bestätigt nach drei und nach sechs Monaten) um 21–26% bei Patienten mit und ohne Restschub-aktivität. Post-hoc-Berechnungen zeigen, dass die Daten nicht durch eine möglicherweise noch vorhandene Restschubaktivität getrieben wurden.3

Immunscreening von Kopf bis Fuß

An der Universität Münster untersucht der Sonderforschungsbereich mithilfe einer „deep immophenotyping platform“, wie, warum und wie lange Therapieinterventionen wirken. Dazu wird der Patient neben den üblichen MRT-Befunden und der klinischen Symptomatik buchstäblich „von Kopf bis Fuß“ immunologisch gescreent: Neben der Analyse des Liquor und des Darmmikrobioms, einem funktionellen Immunprofiling, werden im Blut der Immunzellmetabolismus, das Transkriptom (RNA-Sequencing) sowie Veränderungen des TCR-Repertoires (T-Cell-Receptor) untersucht. Das TCR-Repertoire spielt eine essenzielle Rolle beim adaptiven Immunsystem. Auf der T-Zelloberfläche lokalisiert, ist TCR für die Interaktion mit Peptid-Fragmenten von Antigenen verantwortlich. Durch Erkrankungen wie die MS werden die immunologischen Eigenschaften von TCR verändert und mit ihnen auch die Immunantwort.

Mit diesen Erkenntnissen soll der Arzt in Zukunft frühzeitig besser die richtigen Weichen für eine effektive Therapie stellen können und Patienten besser erkennen, die sofort auf hochwirksame DMD eingestellt werden müssen.2 Zugleich erhofft man sich Hinweise, wie die Therapiesteuerung während der Schwangerschaft optimiert werden kann.

Herzratenvariabilität als Parkinsonprodrom

Die Parkinson Netzwerk Allianz Marburg stellte Studiendaten vor, nach denen unterschiedliche Parameter der Herzratenvariabilität  als Zeichen einer kardialen parasympathischen Denervation ein Biomarker zur Differenzialdiagnose eines idiopathischen versus atypischen Parkinsonsyndroms – progressive supranukleäre Blickparese (PSP) und Multisystem-atrophie (MSA) – sein könnten. PSP- und MSA-Patienten zeigten gegenüber Patienten mit idiopathischem Parkinsonsyndrom und gesunden Kontrollen eine signifikant geringere Kapazität der Verlangsamung der atrioventrikulären Überleitung und damit einer Verminderung der Kontraktionskraft der Vorhöfe. Zwischen PSP- und MSA-Patienten bestanden signifikante Unterschiede beim Herzratenvariabilitätsindex. Letzterer Befund soll in einer Langzeitstudie verifiziert werden.4 Insgesamt könnte eine veränderte Herzratenvariabilität als Prodrodromalsymptom von Parkinsonsyndromen gewertet werden, so die Autoren.

Dr. Alexander Kretzschmar

Quelle: Neurowoche – Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Neurologie e. V. (DGN), Berlin, 30. Oktober bis 3. November 2018

Literatur:
1. DGN-Fachpressekonferenz „Neurologische Forschung im Fokus“ Berlin, 2. November 2018
2. Satellitensymposium „Qual der Wahl oder Luxusproblem? Patienten-bedürfnisse in einer komplexen Therapielandschaft“ (Veranstalter: Sanofi -Genzyme), DGN-Kongress, Berlin, 1. November 2018
3. Kappos L et al. Lancet 2018; 391: 1263–1273
4. Bernhard FP et al. DGN 2018; Abstract P47