Newsletter

Neurologie-Psychiatrie

IQ Logo
IQ im Sinkflug: Seit 1994 hat sich der Flynn-Effekt umgekehrt.
© Colourbox/Xenia Govorukhina

Warum wir immer dümmer werden

1987 entdeckte James Flynn, dass der menschliche IQ von Generation zu Generation steigt, der Flynn-Effekt war geboren. Seit 1994 hat sich dieser Effekt umgekehrt: der IQ sinkt von Generation zu Generation. Die französische Forscherin Barbara Demeneix glaubt, dass endokrine Disruptoren der Schilddrüse mindestens an diesem Effekt beteiligt sind.

Schilddrüsenhormone steuern die Entwicklung des menschlichen ZNS ab der frühen Schwangerschaft bis ins Erwachsenenalter. Eine wichtige Ursache für Schilddrüsenstörungen können endokrine Disruptoren (ED) in der Umwelt der Schwangeren und des Fötus sein; sie verändern das hormonelle Gleichgewicht So können halogenierte Phenolreste die Wirkung von natürlichen Schilddrüsenhormonen imitieren.

Perchlorat inhibiert den Natrium-Iodid-Symporter der Schilddrüse und könnte gemeinsam mit zwei weitere Inhibitoren (Nitrate und Thiocyanate) zu Kombinationseffekten führen. Perchlorat ist als Oxidanz weit verbreitet, sehr stabil und in der Umwelt weit verbreitet. Obwohl seine Halbwertszeit im menschlichen Körper kürzer als 8 Stunden ist, zeigen epidemiologische Daten, dass die Chemikalie in der US-Bevölkerung ubiquitär ist. Jodmangel und mütterliche Schilddrüsenunterfunktion sind Risikofaktoren für verringerten IQ.

Die Phenole Bisphenol A (BPA) und Triclosan (TCS) sind bekannte ED. Sie wurden in der Vergangenheit in so großer Menge produziert, dass sie heute ubiquitär menschliche Körperflüssigkeiten und die Umwelt kontaminieren. BPA ist Ausgangsstoff verschiedener polymerer Kunststoffe, ist ein Weichmacher und darf nur noch eingeschränkt eingesetzt werden. Auch wenn es in erster Linie als Estrogen-Disruptor bekannt ist, bindet es auch an Schilddrüsenhormonrezeptoren. BPA veränderte in Studien die Schilddrüsenwerte beim Menschen, jedoch sind die Ergebnisse uneinheitlich. Pränatale BPA-Exposition führt zu geschlechtsspezifischen Verhaltensveränderungen bei Kindern, postnatale Exposition kann zu ADHS, Angst, Depressionen und aggressivem Verhalten führen.  In Tiermodellen zeigen sich neuronale Defekte.

Triclosan (TCS) wirkt antimikrobiell und als Fungizid und wurde 40 Jahre lang in medizinischen Produkten, wie Seife oder Mundwasser, und Kosmetika eingesetzt. Es wird schnell aus dem Körper eliminiert (Halbwertszeit 11 Stunden), weil es weit verbreitet ist, ist die Exposition jedoch permanent aber variabel. Aufgenommen wird es vorwiegend oral oder durch die Haut und findet sich im Urin auch von schwangeren Frauen und in der Milch. In der EU ist seine Konzentration in Mundwassern auf 0,2%, in anderen Produkten auf 0,35 begrenzt. In Tiermodellen verringert TCS die Serumspiegel von T3 und T4 und ist daher als ein ED der Schilddrüse zu betrachten.

Flavonoide sind Bestandteil der Nahrung. Pflanzenxtrakte mit Silymarin, Silychristan und Sylibilin inhibieren Membrantransporter für Schilddrüsenhormone.

Zahlreiche Pestizide beeinflussen die Wirkung von Schilddrüsenhormonen. Nach der Europäischen Nahrungsmittelbehörde beeinflusste 101 von 287 Pestiziden die Wirkung von Schilddrüsenhormonen. Auch wenn viele Pestizide inzwischen verboten sind, so sind sie sehr stabil und werden in Entwicklungsländern noch immer eingesetzt. 

Polychlorierte Biphenyle (PCB) sind seit 2001 weltweit verboten, wurden seit den zwanziger Jahren in großen Mengen hergestellt und finden sich noch heute in der Umwelt und menschlichen Körperflüssigkeiten in bedeutenden Konzentrationen. Sie gehen vom mütterlichen in das fetale Blut über und werden durch Muttermilch weitergegeben. Pränatale Exposition führt zu verschiedenen Erkrankungen, die mit der Schilddrüse in Zusammenhang stehen, unter anderem geringerer IQ, geistige Einschränkungen und verringerte Aufmerksamkeit.

Polybromierte Flammschutzmittel (PBF) sind weit verbreitet, lipophil und nicht chemisch gebunden. Daher reichern sie sich in der Umwelt, z.B. im Hausstaub, an. Auch wenn sie inzwischen verboten sind, steigt die Belastung weiter an. Sie finden sich in fetalem Blut, der Placenta, Muttermilch. Frühe Exposition führt zu verringertem IQ, geringerer Lese- und Schreibfähigkeit und Aufmerksamkeitsproblemen bei Kindern.

Phtalate werden als Weichmacher in Möbeln, Kosmetika, Lebensmittelverpackungen und medizinischen Gegenständen eingesetzt, finden sich in hohen Konzentrationen in klimatisierten Räumen und sind in unserer Umgebung ubiquitär. Di-(2-ethylhexyl) Phthalat (DEHP) ist das häufigste Phtalat. Es stört die neurologische Entwicklung von Kindern, seine Metaboliten führen nur bei Jungs zu im Alter von 3-6 Jahren zu gestörter geistiger Entwicklung und Verhaltensdefiziten. Pränatale Expostion führt bei Mädchen im Alter von zwei bis drei Jahren zu mentalen Entwicklungsdefiziten. Auch im Schulalter führen Phtalate beispielsweise zu ADHS oder reduziertem IQ. Dibutylphthalate (DBP) könnte Ursache für Schilddrüsen-Hyperaktivität und damit herabgesetzten T4 Spiegel sein. Reporter-Gen-Assays deuten darauf hin, dass DBP ein Schilddrüsenantagonist ist.

Perfluorierte Chemikalien (PC) werden häufig bei Stoffgeweben, Teflon oder Kosmetika, oft als Oberflächenbeschichtung mit hydrophilen Eigenschaften eingesetzt. Sie sind sehr stabil und daher in der gesamten Umwelt anzutreffen. Seit 2008 sind in Europa Perfluoro-Oktansulfonate als ein Klasse der PC verboten.In den USA wurde zwischen 2000 und 2002 die Produktion von verschiedenen PC eingestellt, deren Serumspiegel darauf stark abnahmen. Trotzdem finden sie sich noch in beachtenswerten Mengen im Trinkwasser. Verschiedene Studien fanden eine positive Korrelation zwischen hohen PC-Serumspiegeln und ADHS und starker Impulsivität bei Schulkindern, Exposition während der Schwangerschaft ist mit verzögerter motorischer Entwicklung assoziiert und mehre Studien berichten dass PF-Exposition die Schilddrüse stört.

Roland Müller-Waldeck

Literatur: Mughal BB, Fini JB, Demeneix BA. Thyroid-disrupting chemicals and brain development: an update. https://doi.org/10.1530/EC-18-0029