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Neurologie-Psychiatrie

Gehirn
Die Bedeutung ängstlich-depressiver -Symptome im Seniorenalter für die Demenzentwicklung ist noch unklar.
© Colourbox

Depression und Demenz – eine komplizierte Beziehung

Nachdem sich die Alzheimerforschung immer stärker in die frühe Entwicklung der Erkrankung verlagert hat, sind auch depressiv-ängstliche Symptome als klinische Vorläufer und Risikofaktoren stärker in den wissenschaftlichen Fokus geraten. Die Ergebnisse sind etwas verwirrend.

Verschiedene epidemiologische Studien zeigen, dass kognitiv unauffällige Senioren mit ängstlich-depressiver Symptomatik ein erhöhtes Risiko einer milden kognitiven Einschränkung (MCI) sowie einer Alzheimerdemenz haben. Seit einigen Jahren forscht man nach Assoziationen zwischen Veränderungen in alzheimerprädiktiven Hirnregionen und der Entwicklung affektiver Symptome.

In der präklinischen Phase der Alzheimerdemenz kommt es zur Akkumulation von ß-Amyloid und tau-Proteinen. Eine Arbeitsgruppe an der Harvard-Universität in Boston konnte jetzt bei 270 kognitiv unauffälligen Senioren aus dem Großraum Boston nachweisen, dass ausgeprägte Amyloidablagerungen, gemessen mit dem PiB-PET (Pittsburgh compound B), mit der Entwicklung von vermehrten ängstlich-depressiven Symptomen, gemessen mit der GDS-15-Skala (Geriatric Depression Scale, 15 Items) assoziiert waren.1 Diese Ergebnisse bestätigen Kohortenstudien von Arbeitsgruppen aus Washington und Australien. 

Bedeutung der Amyloidlast bleibt noch unklar

Allerdings hatte die Bostoner Arbeitsgruppe bereits 2015 in einer ähnlichen Studie mithilfe der GDS-30-Skala und des FDG-PET (18F-fluorodeoxyglucose (FDG) in verschiedenen Rechenmodellen keine Assoziation zwischen der Amyloidlast und dem GDS-Score feststellen können. Offenbar können Dysphorie, Apathie und -Anhedonie auf Degenerationen in alzheimerassoziierten Hirnregionen hinweisen – aber unabhängig von der Amyloid-deposition.2 

Eher vorsichtig äußert sich auch eine internationale Autorengruppe, darunter vom Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen in Magdeburg, in einer aktuellen Studie zur Assoziation von tau-Ablagerungen mit Neurodegeneration und Gedächtnisverlust.3 Sie sehen zwar laut ihrer In-vivo-Daten eine Korrelation zwischen tau-Ablagerungen und altersabhängigen Defiziten des episodischen Gedächtnisses sowie im Rahmen einer Alzheimerdemenz, allerdings ebenfalls unabhängig von der Amyloidlast. 

Möglicherweise kommt es bei der prädiktiven Bedeutung von Affektstörungen für die Entwicklung eines MCI und/oder Alzheimerdemenz auch darauf an, ob die ängstlich-depressiven Symptome erst im Seniorenalter (Late-life-Depression) oder schon in früheren Dekaden aufgetreten sind. Ismail et al. (2017) halten es für möglich, dass eine Altersdepression im Hinblick auf Assoziationen mit neurodegenerativen Prozessen anders zu bewerten ist als eine chronische Affektstörung.4 Nach ihrer Ansicht müsste die zeitliche Beziehung des Auftretens der unterschiedlichen Symptome in der Erforschung früher Demenzstadien stärker berücksichtigt werden.

Fazit für die Praxis

Aus der Demenzforschung ist bekannt, dass eine vermehrte Akkumulation von b-Amyloid und tau auch bei Senioren ohne Zeichen einer Alzheimerdemenz auftreten kann. Kaum einfacher scheint die Assoziation zwischen Alzheimer-demenz und vorausgehender ängstlich-depressiver Symptomatik zu erklären zu sein. Aus klinischer Sicht könnte eine effektive Therapie von Affektstörungen im höheren Lebensalter auch ein wichtiger Ansatz zur Demenzprävention sein. Damit ist angesichts des aktuellen Forschungsstands eher nicht zu rechnen.    

Autor: Dr. Alexander Kretschmar

Literatur:
1. Donovan NJ et al. Am J Psychiatry 2018; doi: 10.1176/appi.ajp.2017.17040442.
2.  Donovan NJ et al. J Alzheimers Dis 2015; 46: 63–73
3. Maass A et al. J Neurosci 2018; 38: 530–43
4. Ismail Z et al. Int Psychogeriatr 2017; doi: 10.1017/S1041610217001880