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Medizin

junge Ärztin und älterer Arzt
Wer die Praxis-Aufgabe plant, sollte frühzeitig einen nachfolger suchen. © VGstockstudio / shutterstock

Tipps für den Einstieg in die Rente

Eigentlich wollte sich Kollege Harald Maier schon längst in seine Rente verabschieden. Doch der 67-Jährige Arzt findet keine Käufer seiner Praxis. Der Wunschpreis ist zu hoch, Geräte und Möbel zu alt. Günstiger verkaufen steht nicht zur Debatte. Wie macht er es richtig?

Als Wirtschaftsberaterin weiß Nicole Gerwert: „Maier steht mit seinem Dilemma nicht alleine da“. Die Münsterländerin begleitet viele Nachwuchs-Mediziner bei der Existenzgründung. Und trifft dabei auf verzweifelte Ärzte, die ihren Renteneintritt planen.

Vorsorgeplan schon bei der Gründung

„Der Einstieg in den erfolgreichen Ausstieg beginnt früh“, so die Spezialistin. Deshalb gilt als Faustregel: Wer mit 63 aufhören will, muss spätestens mit 50 einen Plan haben. Bestenfalls legen Ärzte schon während der Existenzgründung einen langfristigen Finanzplan an. „Was sie zu dieser Zeit verpassen, können sie nicht mehr aufholen“, so Gerwert.

Dazu gehören in erster Linie private Vorsorgemaßnahmen. „Demografische Veränderungen und Niedrigzinsen an den Finanzmärkten treffen auch Versorgungswerke“, begründet Markus Sobau, Finanzplaner und Geschäftsführer von MediSecur. Zwar beruht deren Modell anders als bei der gesetzlichen Rente nur zum Teil auf einem Umlageverfahren, bei dem Beiträge der Jungen die Bezüge der Alten finanzieren. Doch auf Grund niedriger Anlagezinsen schrumpfen auch bei den berufsständigen Werken die Rücklagen. Sobau: „Renten werden nur selten gekürzt, doch Anwartschaften steigen weniger schnell.“ Als Resultat bleibt weniger Rente. Wer sich absichern will, kombiniert daher die berufsständigen Leistungen mit einem zweiten privaten Renten-Standbein, etwa in Form von Immobilien oder Fonds.

Finanzen sortieren

Sieben Jahre vor Abtritt. Spätestens jetzt ist ein detaillierter Blick auf die Finanzsituation notwendig. Das kann sowohl am PC als auch ganz simpel durch eine Ausgaben-Einnahmen-Tabelle auf einem Blatt Papier passieren. „Rechnen Sie aus, welche Fixkosten Ihr Lebensstandard beinhaltet und welche Einnahmen Ihnen im Alter zur Verfügung stehen“, schlägt Sobau vor.

Tun sich Lücken auf, verlassen sich viele Altpraxisbesitzer wie Kollege Maier auf den Verkaufserlös der Wirkungsstätte. „Sie kalkulieren allerdings nicht mit ein, dass derzeit weit mehr Praxen angeboten als nachgefragt werden“, so der Finanzexperte. Darum klaffen die Preisvorstellungen von Verkäufern und Käufern oft weit auseinander. Steht und fällt die Altersvorsorge mit dem Preis der Praxis, ist frühzeitiges Handeln Wirtschaftsberaterin Gerwert zufolge Pflicht: „Investieren Sie rechtzeitig in moderne Geräte und Optik.“. Das verbessere die Verhandlungsbasis enorm und sei in Verdienstzeiten zudem steuerlich absetzbar.

Nachfolger finden

Fünf Jahre vor Abtritt. Praxisinhaber mit angestellten Ärzten können zudem potenzielle Nachfolger aus den eigenen Reihen ansprechen. „Der Königsweg für alle Beteiligten“, findet Finanzplaner Sobau. In seiner 20-jährigen Beratungslaufbahn hat er oft beobachtet, dass Rentnern die Übergabe leichter fällt, wenn sie ihr „Baby“ in guten Händen wissen. Nachwuchsinhaber profitieren von der Erfahrung ihrer Vorgänger und können sich Schritt für Schritt in die neue Rolle einfinden. Auch Mediziner, die keine Angestellten mit Existenzgründungswunsch haben, können über Vermittlerbörsen fündig werden.

Frischen Wind in die Praxis bringen

Drei Jahre vor Abtritt. Viele Ärzte unterschätzen, dass Mitarbeiter und Patienten mitaltern. „Für Existenzgründer sind diese Strukturen unattraktiv, da der Patientenstamm gewissermaßen wegstirbt“, gibt Gerwert zu bedenken. Gleichzeitig fällt ein Großteil des Praxisteams und damit auch deren Wissen durch Ruhestand weg. „In vielen Praxen gibt es eine Hauptangestellte, die sowohl Patienten als auch interne Abläufe am besten kennt“, weiß die Gründerberaterin. Wer dieser Person junges Personal zur Seite stellt, zieht einerseits junges Klientel in die Praxis. Andererseits wird Wissen erhalten, das dem Nachfolger einen Vorteil bringt. Der Kaufpreis schnellt in die Höhe.

Langsamer Rückzug/Praxisverkauf

Zwei Jahre vor Abtritt. Steht die Nachfolge bereits fest, empfiehlt Wirtschaftsberaterin Gerwert Alt-Inhabern sich langsam aus dem Praxisgeschehen zurückzuziehen. „Nehmen Sie öfter frei oder reduzieren Sie Ihre Wochenarbeitszeit“, meint Planungsprofi Sobau. Das biete beiden Parteien die Chance sich an die neue Situation zu gewöhnen und rauszufinden, wo noch Fragen offen sind. Workaholics kann es helfen, sich jetzt eine neue sinnstiftende Aufgabe zu suchen. Das kann ein Ehrenamt im Fußballverein sein, ein neues Haustier oder freiwillige Mitarbeit an Universitäten.

Wer plant die Arzt-Praxis extern zu verkaufen, sollte ebenfalls spätestens zwei Jahre vor dem letzten Arbeitstag aktiv werden. Auf Praxisbörsen oder per Praxisvermittler können Mediziner ihre Standorte präsentieren. „Käufer brauchen mindestens 12 Monate Planungszeit“, schätzt der MediSecur-Chef. Da sich kaum ein Vertragspaar innerhalb weniger Wochen finde, sei ein zusätzlicher Puffer von einem Jahr sinnvoll.

Henrik Stüwe