Newsletter

Medizin

Depressive Frau am Fenster
Herz-/Kreislauferkrankungen und Depressionen beeinflussen sich gegenseitig.
© Colourbox

KHK und Depression: Die Umwelt ist der Link

Viele Patienten mit koronarer Herzkrankheit (KHK) haben eine komorbide Depression. Gibt es einen gemeinsamen Wirkmechanismus? Eine populationsbasierte Kohortenstudie zeigt jetzt, dass es keinen genetischen Link gibt. Verantwortlich sind gemeinsame Umweltfaktoren.

Die Assoziation zwischen der Entwicklung einer KHK und einer Depression ist bidirektional. Beide Erkrankungen beeinflussen sich stark gegenseitig. Allerdings ist unklar, ob es einen gemeinsamen Mechanismus gibt. Eine Antwort auf diese Frage sollte eine große populationsbasierte Kohortenstudie mit 367.703 Personen (40–69 Jahre, 54,1% Frauen) geben. Davon hatten 14.701 Personen (4,0%) eine Lebenszeitdiagnose einer moderaten bis schweren Major Depression. Die Studie fand eine Assoziation zwischen einer positiven Familienanamnese einer KHK und einer Depression (Odds Ratio [OR] 1,20, 95%-Konfidenzintervall [KI] 1,16–1,24).

Die Quantifizierung des Einflusses von Genen bekannter Funktion auf die beiden Erkrankungen mittels einer mendelschen Randomisierung fand jedoch keinen signifikanten Einfluss von KHK-Risikogenen auf das Risiko einer Major Depression. Dagegen wurden erhöhte Triglyzeridspiegel (p = 2 x 10–5), erhöhte Expression von Interleukin-6 (IL-6) (p = 0,0012) und C-reaktivem Protein (CRP) (p = 0,0009) als wahrscheinliche kausale Risikofaktoren für eine Major Depression identifiziert.

Systemische Entzündung als Verbindungsglied

Dies bedeutet, dass die Komorbidität von KHK und Major Depression vor allem durch Umweltfaktoren kausal beeinflusst wird. Diese Ergebnisse stimmen mit Befunden überein, welche auf eine wichtige Rolle niedriggradiger systemischer Entzündungsvorgänge nicht nur bei der KHK – dort schon länger bekannt und untersucht –, sondern auch bei der Entwicklung einer Major Depression hindeuten. Erhöhte Entzündungsparameter wurden auch bei Patienten mit therapieresistenter Depression nachgewiesen. Gleichzeitig sind Genmutationen, welche die IL-6-Expression verringern, auch protektiv gegen eine schwere Major Depression wirksam.

Alle drei proentzündlichen Risikofaktoren können therapeutisch beeinflusst werden, so die Autoren. Randomisierte Studien mit Biologika wie IL-6-Inhibitoren, die in der antientzündlichen Therapie der rheumatoiden Arthritis erfolgreich sind, werden gegenwärtig auch bei Patienten mit Major Depression durchgeführt.

Alexander Kretzschmar

Literatur: Khandaker GM et al. Shared mechanisms between coronary heart disease and depression: findings from a large UK general population-based cohort. Mol Psychiatry 2019. Doi: 10.1038/s41380-019-0395-3 [Epub ahead of print]