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Medizin

© Colourbox/Dawesign

Impfberatung: Gute Argumente gegenüber Impfskeptikern

Mit Impfungen haben wir ein Konzept, mit dem schwerste Krankheiten ausgerottet wurden, dessen Wirksamkeit tausendfach wissenschaftlich belegt ist und mit dem wahrscheinlich mehr Leben gerettet wurden als mit jeder anderen medizinischen Maßnahme. Viele Aspekte, die von Impfgegnern ins Feld geführt werden, lassen sich leicht entkräften. Bei den meistenImpfskeptikern stößt man auf offene Ohren und kann auch für die künftige Arzt-Patienten-Beziehung eine gute Basis schaffen.

Um zu sehen, dass Impfungen tatsächlich wirken, brauchen wir keine großen Studien zurate zu ziehen: Die Pocken sind ausgerottet. Seit 1990 ist Deutschland poliofrei, und Wildpolio wurde im Jahr 2017 nur noch in drei Ländern nachgewiesen, in denen die Bevölkerung keinen ausreichenden Impfschutz hat. Die Masern, an denen eines von 1.000 Kindern stirbt, ließen sich mit steigenden Impfraten drastisch reduzieren. Impfungen wirken und retten Leben. Das ist ein Fakt. Vor allem das Leben und die Gesundheit unserer Kinder. Eigentlich eine großartige Sache.

Vermeidbar: Weltweit über 100.000 Todesfälle durch Masern
Mit Impfraten über 95% würden sich Erkrankungen, bei denen der Mensch der Wirt ist, durch Unterbrechung der Übertragungskette (Herdenschutz) ausrotten lassen. Dies ist z. B. bei den Masern seit vielen Jahren erklärtes Ziel der WHO und wurde in über der Hälfte aller EU-Länder auch schon umgesetzt. Deutschland erreicht dieses Ziel Jahr für Jahr wieder nicht. Tausende Masernerkrankungen und einige Todesfälle in den letzten Jahren wären bei uns vermeidbar gewesen, weltweit über 100.000 Todesfälle pro Jahr. Und das mit extrem geringem Risiko für schwere Nebenwirkungen.
Aber warum erreichen wir keine entsprechenden Impfraten? Warum liegen wir im Vergleich zu vielen anderen Ländern trotz eines der besten Gesundheitssysteme der Welt, mit vollständiger Impfkostenübernahme und lebenslanger staatlicher Haftung für mögliche Impfschäden so weit hinter Ländern wie Dänemark oder den Niederlanden, aber auch Albanien und Montenegro zurück? Offenbar liegt es nicht nur daran, dass die Menschen heute Erkrankungen wie Diphtherie, den „Würgeengel der Kinder“, nicht mehr vor Augen haben oder der Schrecken der Polioerkrankung mit schweren Gehbehinderungen verschwunden ist.

Impfgegner und -skeptiker mit alternativem Weltbild
Geschätzte 2–4% der Deutschen sind „Impfgegner“ oder „Impfskeptiker“. Die treibende Kraft hinter Bewegungen gegen das Impfen ist die erstgenannte Gruppe, die deutlich kleiner ist als die der Impfskeptiker.
Die Argumentation der Impfgegner folgt meist einer relativ einheitlichen Linie. Die Basis ist ein „alternatives Weltbild“, in dem Big-Pharma-Konglomerate und staatliche Gesundheitssysteme in wahlweise länder-, welt- oder universums­umfassenden Verschwörungen für unermessliche Summen die Menschheit entweder gezielt vergiften, um dann an Medikamenten noch unermesslichere Summen zu verdienen, oder die Entwicklung der Geimpften geistig und körperlich so weit beeinflussen, dass jederGeimpfte sich weiterhin willenlos dem Staats- oder Pharmaimperium unterwirft. Ausgehend von dieser Weltsicht ziehen die Impfgegner in den Kreuzzug gegen alles, was ihnen in ihrer Welt gerade besonders aufstößt oder womit sich mit ein paar „Sachbüchern“ ein netter Nebenverdienst erzielen lässt.

Wann die ärztliche Aufklärung zwecklos ist
Das Bedürfnis der Menschen, mehr zu verstehen als die anderen, die „wahre Wahrheit“ hinter den Dingen zu erfahren, ist groß. Für ein bisschen mehr „wirkliche“ Erkenntnis werden gerne ein paar reale Fakten ausgeblendet.
Für uns Ärzte heißt das: die Diskussion mit Impfgegnern lohnt sich nicht. Wir arbeiten in unserem Beruf mit Wissenschaft, Fakten, gesundem Menschenverstand und einem realen Weltbild. Für einzelne Personen ist unser Denken eine Verzerrung der Realität. In der Diskus­sion mit einer Person, die den Arzt als ausführenden Schergen von Big-Pharma hält oder als einen von den vielen, die die „wahre Wahrheit dahinter“ nicht sehen, findet sich keine gemeinsame Basis.

Impfskeptiker: Hier gilt es, als Arzt zu überzeugen!
Wir müssen den Fokus auf die Impf­skeptiker legen. Menschen, die verunsichert sind, keine Entscheidung getroffen haben, die in einem Internet voll widersprüchlicher Argumente vertrauens­-
würdigen Rat suchen, wie sie die Gesundheit ihres Kindes oder ihre eigene am besten schützen. Wir haben es dabei überhaupt nicht nötig, auf Angstszenarien mit Bildern von Meningokokken-Sepsis oder Wundstarrkrampf zu setzen. Das Ziel sollte hier eher sein, die Ängste zu nehmen, die durch Unsicherheit oder falsche Information entstanden sind. Gute Argumente, Fakten und eine jahrzehntelange Erfolgsgeschichte der Impfmedizin stehen hier auf unserer Seite.
Trotzdem geht es nicht um die Vermittlung reiner Zahlen und Daten. Die Impfung ist ja am Ende doch eine Vertrauens­entscheidung. Im Mittelpunkt steht das Erkennen und Verstehen der Bedenken und ein verständnisvoller Umgang. Mit dem Patienten. Hier kann man mit einem einzelnen Gespräch häufig den Weg für den Impfschutz einer Familie für ein ganzes Leben ebnen.

Bedenkenträger – und was sie umstimmen kann
Die Liste der Bedenken von Impfgegnern und -skeptikern ist lang. Im Folgenden wollen wir auf ein paar häufiger genannte Probleme eingehen – angefangen von der Angst vor Chemie bis hin zur übertriebenen Darstellung von Impfschäden.

„Impfungen sind unnatürlich und
wirken durch Chemie“


Viele Menschen machen sich Sorgen, dass eine Impfung als chemische Substanz wie ein Medikament vor einer Erkrankung schützt. Vergessen, oder häufig einfach nicht verstanden, wird dabei, dass die Schutzwirkung, die im Rahmen der Impfung erreicht wird, ausschließlich auf den Fähigkeiten unseres natürlichen Immunsystems beruht, zumindest, wenn wir von den aktiven Impfungen ausgehen.
Gerade bei Impfskeptikern macht es Sinn, sich die Zeit zu nehmen, kurz zu erklären, wie unser Immunsystem auf Erkrankungen reagiert. Dass es einen Erreger erst einmal kennenlernen muss, um neben dem großen Hammer unserer unspezifischen Abwehr nach ein paar Tagen mit der vollen Kraft des adaptiven Immunsys­tems ganz gezielt und erfolgreich reagieren zu können. Und dass es dabei ein Gedächtnis für diesen Erreger entwickelt, um beim nächsten Kontakt den Erreger schon eliminieren zu können, bevor er eine Krankheit verursachen kann. Das nennt man dann Immunität.
Zu verstehen, dass wir den Schritt des ersten Kontaktes zwischen Erreger und Immunsystem mit der Impfung quasi durch abgeschwächte oder zerkleinerte Erreger simulieren und uns damit in
Zukunft das eigene Immunsystem und nicht der Impfstoff schützt, ist für viele schon eine große Hilfe. Impfungen
trainieren unser Immunsystem für den Ernstfall.

„Die Wirkung von Impfungen
ist nicht in seriösen Studien
nachgewiesen“


Nachschauen hilft. Auch mal kurz mit dem Patienten zusammen. Der Inhalt von PubMed zum Thema Impfen reicht aus, um mehrere Impfgegner-Leben, auch wenn diese aufgrund des höheren Erkrankungsrisikos möglicherweise kürzer sind, mit Lesestoff zum Nachweis der Wirksamkeit von Impfungen zu füllen. Die Quantität ist also nicht das Problem.
Seriös bedeutet hier, dass man den Daten der Studie und der Quelle vertrauen kann. Weltweit forschen hier angesehenste Wissenschaftler mit riesigen Studienpopulationen. Natürlich wird viel Forschung von der Industrie finanziert. Aber wer hier wo was finanziert, ist kein Geheimnis, sondern lässt sich bei jeder Studie einfach nachlesen.
Diese Studien werden unter strengster Aufsicht diverser Institutionen in verschiedenen Ländern durchgeführt – bei uns beispielsweise vom Paul-Ehrlich-Institut als Bundesinstitut für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel. Ob man an den Zusammenhang zwischen Antikörpern und Immunität glaubt oder alle sonstigen wissenschaftlichen Theorien zur Wirkungsweise von Impfungen ablehnt, ist dabei gar nicht so wichtig. Alle Studien haben eines gemeinsam: Geimpfte erkranken seltener als Nicht-Geimpfte.  Natürlich kann man hier auch den selbsternannten Medizin-Journalisten, Impfspezialisten und NoVaxx-Experten Glauben schenken, die sich mit „kontroversen“ Büchern und Texten auf Basis selbstgebastelter Studien (n = Leute die ich kenne) ihre Einkommen sichern und wohl eine Menge übers Impfen gelesen haben. Man kann sich auch ins Flugzeug mit einem selbsternannten Piloten setzen, der auch viel übers Fliegen gelesen hat. Muss man aber nicht.

„Ärzte verdienen sich an Impfungen eine goldene Nase“

Viele Patienten glauben, der Arzt hätte mit der nächsten fälligen Grippeimpfung schon das halbe Medizinstudium der Nachkommenschaft finanziell gesichert. Um dieses Missverständnis aufzuklären, kann es helfen, die STIKO und die GOÄ zu zitieren. Für 4,66 EUR zum einfachen Satz (10,72 EUR zum 2,3-fachen Satz) sieht die STIKO folgende Impfleistungen vor:

  • Informationen über den Nutzender Impfung und die zu verhütende Krankheit
  • Hinweise auf mögliche unerwünschte Arzneimittelwirkungen und Kompli-kationen
  • Erheben der Anamnese und der Impfanamnese, einschließlich der
  • Befragung über das Vorliegen möglicher Kontraindikationen
  • Feststellen der aktuellen Befindlichkeit zum Ausschluss akuter Erkrankungen
  • Empfehlungen über Verhaltensmaßnahmen im Anschluss an die Impfung
  • Aufklärung über Beginn und Dauer
  • der Schutzwirkung
  • Hinweise zu Auffrischimpfungen
  • Dokumentation der Impfung im Impfausweis bzw. Ausstellen einer Impfbescheinigung

Hier ist eher das kostendeckende Arbeiten das Problem.

„Impfstoffe schützen nicht sicher
und müssen außerdem noch
häufig gegeben werden“


Auch die besten Impfstoffe schützen nicht zu 100%. Aber das ist kein Argument gegen eine Impfung. Gurt, Airbag und Aufprallschutz bieten auch keinen 100%igen Schutz bei einem Autounfall.  Selbst wenn eine Influenza-Impfung bei Älteren nur einen 50%igen Schutz bietet, könnte man bei einer geschätzten Übersterblichkeit von 10.000 bis 30.000 Menschen in jeder Grippesaison mit hohen Durchimpfungsraten viele Leben retten und Krankenhausaufenthalte verhindern.

„Impfstoffe verursachen häufig
Impfschäden und schwere
Erkrankungen“


Keine Wirkung ohne Nebenwirkungen. Das trifft auch auf Impfungen zu.  Aber Autismus, Diabetes, Multiple Sklerose oder der plötzliche Kindstod stehen
hier nicht auf der Liste der Nebenwirkungen. Alle Studien in diesen Bereichen konnten keinen Zusammenhang zu Impfungen herstellen. Eher umgekehrt gibt es Hinweise auf ein erhöhtes Risiko bei nicht oder spät geimpften Kindern, z. B. beim plötzlichen Kindstod.
Hier wird von impfkritischer Seite gerne die Wakefield-Studie ins Spiel gebracht, in der Dr. Andrew Wakefield mit einer Teilnehmerzahl von 12(!) einen Zusammenhang zwischen Autismus und MMR-Impfung hergestellt hat. Dass ihm im Nachgang die Zulassung entzogen wurde, weil er 3,5 Millionen Pfund von einer Anwaltskanzlei erhalten hatte, die die Eltern vermeintlich geschädigter Kinder vertrat, und außerdem größer angelegte Studien im Verlauf keinen ähnlichen Zusammenhang erkennen ließen, trägt nicht unbedingt zur Einstufung als vertrauenswürdige Quelle bei.
Auch die Zahl der anerkannten Impfschäden, wie z. B. im nationalen Impfplan nachzulesen, untermauert die Sicherheit von Impfungen. Innerhalb von fünf Jahren wurden 169 Fälle von 1.036 Anträgen als Impfschaden anerkannt.  Beim Rest konnte kein Zusammenhang hergestellt werden. Bei weit über 200 Millionen verimpften Dosen in diesem Zeitraum zeigt sich, wie sicher Impfungen sind. Fakt ist: Impfungen sind nicht völlig nebenwirkungsfrei, das Risiko eines Impfschadens ist jedoch extrem gering. Und sie schützen uns hervorragend vor wirklich gefährlichen Krankheiten.

Dr. med. Markus Frühwein
Praxis Dr. Frühwein & Partner
Allgemein- und Tropenmedizin, München
E-Mail: markus@drfruehwein.de