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Medizin

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Die neuen STIKO-Empfehlungen: Was für die Praxis zählt

In ihrem 34. Epidemiologischen Bulletin 2018 hat die STIKO ihre neuen Impfempfehlungen veröffentlicht. Neben Neuentwicklungen auf dem Impfstoffmarkt, den sich ausbreitenden FSME-Risikogebieten und einer überarbeiteten Tetanus-Postexpositionsprophylaxe gibt es auch eine praktische Arbeitshilfe zur sequenziellen Pneumokokkenimpfung.

Influenza
Pünktlich zur kommenden Influenza-Saison weist die STIKO noch einmal ausdrücklich darauf hin, einen quadrivalenten Impfstoff für alle Indikationen zu verwenden. Ein entsprechender Impfstoff wird in diesem Jahr von drei Herstellern angeboten. Zu beachten ist, dass der Impfstoff der Firma Mylan Healthcare erst ab 18 Jahren zugelassen ist, die beiden anderen (GSK, Sanofi Pasteur) ab sechs Monaten.

FSME
Bei den Empfehlungen zur Impfung gegen Frühsommermeningoenzephalitis (FSME) wurde den sich ausbreitenden Risikogebieten Rechnung getragen. Hier sind mehrere neue Landkreise aufgenommen worden. Zu beachten ist, dass es im Raum München Stadt, der noch nicht als Risikogebiet nach Definition ausgewiesen ist, im letzten Jahr mehrere Erkrankungsfälle gab. Insgesamt zeigt sich im Jahr 2018 eine bedenkliche Entwicklung mit deutlich steigenden FSME-Fallzahlen in mehreren Ländern und einem verstärkten Aufkommen von Zecken und Zeckenstichen. Die Durchimpfungsraten in den Risikogebieten sind mit unter 40% immer noch deutlich zu niedrig.

Herpes zoster
Die Bewertung des neuen Herpes-zoster-Impfstoffes fiel vorerst leider noch zurückhaltend aus. Seit März 2018 ist der adjuvantierte Totimpfstoff zur Verhinderung von Herpes zoster und postherpetischer Neuralgie für Personen ab dem Alter von 50 Jahren zugelassen. Obwohl der Impfstoff in Studien eine hervorragende Wirkung von über 90% über mehrere Jahre in allen Altersgruppen zeigte, wurde hier keine eindeutige Empfehlung ausgesprochen. Nach den neuen Empfehlungen kann die Impfung nach individueller Risiko-Nutzen-Abwägung sinnvoll sein. Gerade für chronisch Kranke und Immunsupprimierte, die ein erhöhtes Erkrankungsrisiko haben, sollte über eine Impfung nachgedacht werden. Viele Krankenversicherungen erstatten die Impfung als freiwillige Satzungsleistung.

HPV
Schon im epidemiologischen Bulletin 26/2018 hatte die STIKO die Empfehlung zur HPV-Impfung für Jungen veröffentlicht. Diese ist in den aktuellen Impfempfehlungen auch berücksichtigt. Nachdem die Sicherheit und Wirksamkeit der Impfung inzwischen in mehr als 270 Millionen verabreichten Dosen bestätigt werden konnte, hofft die STIKO mit der erweiterten Empfehlung, Neuerkrankungen durch HPV-bedingten Penis- und Analkrebs sowie Krebserkrankungen der Mundhöhle und des Rachens zu verhindern, den Gemeinschaftsschutz gegen HPV-assoziierte Erkrankungen zu stärken und die mit deutlich unter 50% viel zu niedrigen Durchimpfungsraten bei Mädchen durch eine verbreitete Sensibilisierung für das Thema in die richtige Richtung zu lenken. Die Empfehlung greift wie bei den Frauen auch Männer über 17 Jahren auf, bei denen eine Impfung nach individueller Risikobeurteilung sinnvoll sein kann, auch wenn diese bei nicht HPV-naiven Personen eventuell nur eingeschränkt wirksam ist.

Meningokokken
Bei der Meningokokkenimpfung wurde der neue Meningokokken-B-Impfstoff Trumenba® berücksichtigt. Er ist ab einem Alter von 10 Jahren zugelassen, im Gegensatz zu Bexsero®, das ab einem Alter von 2 Monaten gegeben werden kann. Dafür wird von einer wahrscheinlich breiteren Wirksamkeit des neuen Impfstoffes ausgegangen. Für die Impfung gegen Meningokokken der Gruppe B gibt es aktuell keine generelle Empfehlung. Für Immunsupprimierte mit speziellen Grundkrankheiten soll nach STIKO aber neben der Impfung gegen Meningokokken A, C, W135 und Y eine Impfung gegen Meningokokken B erfolgen. Aufgrund der epidemiologischen Situation in Deutschland mit vorwiegend Meningokokken-B-bedingten Erkrankungen sollte in der Praxis über eine Impfung gerade bei Kindern und chronisch Kranken nachgedacht werden.

Pneumokokken
Bei den Pneumokokken hat die STIKO die Empfehlungen um eine sehr praktische Tabelle zur Umsetzung der sequenziellen Pneumokokken-Indikationsimpfung ab dem Alter von 2 Jahren unter Berücksichtigung des bisherigen Impfstatus erweitert (s. Tabelle). Die sequenzielle Impfung ist vorgesehen bei angeborenen oder erworbenen Immundefekten/Immunsup­pression, fremdkörperassoziierten Risi­ken und chronisch Kranken zwischen 2 und 15 Jahren.

Tetanus-Postexpositionsprophylaxe
Auch für die Tetanus-Postexpositionsprophylaxe haben sich Änderungen ergeben. Nach der neuen Tabelle der STIKO wird bei Personen, die bisher ungeimpft waren oder bei denen der Impfstatus unbekannt ist, auch bei sauberen und geringfügigen Wunden Tetanus-Immunglobulin (TIG) verabreicht. Dies gilt jetzt auch bei allen anderen Wunden, wenn nicht mindes­tens 3 Impfungen nachgewiesen sind. Auf der anderen Seite wird bei ein­-
mal abgeschlossener Grundimmunisierung kein TIG mehr gegeben, auch wenn die letzte Impfung mehr als 10 Jahre her ist. Bei Impfungen mit dem Aktivimpfstoff sollte bei laufender Grundimmunisierung immer berücksichtigt werden, dass am Tag der Wundversorgung eine postexpositionelle Impfung nur mit einem Abstand von mindestens 28 Tagen zur letzten Impfung sinnvoll ist.
Bei den Kinder- und Jugendimpfungen wurde die obere empfohlene Altersgrenze für die zweite Tdap-Auffrischimpfung von 17 auf 16 Jahre herabgesetzt.
Die STIKO-Empfehlungen bilden die Basis der in der Praxis umzusetzenden Empfehlungen. Darüber hinaus haben wir als impfende Ärzte die Verantwortung und Möglichkeit, auch über die STIKO-Empfehlungen hinaus individuelle Impfentscheidungen zum Schutz unserer Patienten zu treffen.

Dr. med. Markus Frühwein
Praxis Dr. Frühwein & Partner
Allgemein- und Tropenmedizin, München
E-Mail: markus@drfruehwein.de