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Medizin

City Cube in Berlin
Die DÖSGHO-Jahrestagung 2019 fand in Berlin im City Cube statt.
© Weber

Aktuell vom DGHO-Kongress

Zu den Themen dieses wichtigsten deutschsprachigen Krebskongresses gehörten in diesem Jahr „Big Data“ in der Medizin, die CAR-T-Zell-Therapie und künftige Herausforderungen in diesem Fachgebiet.

Onkologische Versorgung in der Breite sicherstellen

Bis 2015 wird die Bevölkerung in Deutschland um 1,6%, d.h. ca. 1,3 Mio. Einwohner wachsen. Gleichzeitig kommt es zu einer demografischen Verschiebung: Der Anteil jüngerer Menschen bis 59 Jahre nimmt um bis zu 9% ab, während der Anteil Älterer, insbesondere in ländlichen Regionen, überproportional steigt. „Das hat Implikationen für die Versorgung auch im Rahmen der Onkologie“, betonte Prof. Carsten Bokemeyer, Hamburg, als Vorsitzender der DGHO. Denn die Anzahl der jährlich neu diagnostizierten Krebserkrankungen wird bis 2025 um absolut 52.000 Fälle auf ca. 523.000 zunehmen. Wegen der verbesserten Prognose von Krebspatienten steigt die 10-Jahres-Prävalenz dieser Erkrankungen zwischen 2014 und 2025 um 243.000 Fälle auf 2,9 Mio. Patienten an. Da die Gesellschaft insgesamt altert, werden auch Komorbiditäten bei Krebspatienten überproportional zunehmen und das Management von Tumoren verändern. 

Die flächendeckende Versorgung gerade der älteren Krebspatienten stellt die Onkologie laut Bokemeyer vor neue Herausforderungen, da ein breites Angebot in psychoonkologischer, sozialer und pflegerischer Hinsicht auch außerhalb von Metropolregionen sicherzustellen ist. Deshalb müssen neue Konzepte zur Einbindung mobiler onkologischer Pflegekräfte, zur palliativmedizinischen Versorgung vor Ort, telemedizinischen Anbindung und Training von Hausärzten in onkologischer Mitbetreuung entwickelt werden. Bokemeyer forderte im Namen der DGHO eine strukturelle Kopplung hausärztlicher Praxen und kleinerer Krankenhäusern an Netzwerke, um Krebspatienten flächendeckend auch in ländlichen Regionen mit innovativen Therapien versorgen zu können. Er machte darauf aufmerksam, dass die Zahl hämato-onkologisch und palliativmedizinisch spezialisierter Ärzte in Deutschland zwar während der letzten Jahre angestiegen ist. Da zahlreiche Mediziner allerdings altersbedingt in den nächsten Jahren ausscheiden, können  diese zusätzlich ausgebildeten Ärzte zwar deren Nachfolge antreten, der aufgrund der demografischen Alterung entstehende Mehrbedarf kann jedoch nicht abgedeckt werden.

Wandel in der Brustkrebstherapie dank moderner Substanzen

Aus der prospektiven Register-Plattform OPAL liegen erste Daten zur sektorenübergreifenden Versorgung von Frauen mit metastasiertem oder inoperablem Brustkrebs vor. Bei dem 2017 gegründeten OPAL handelt es sich um eine Erweiterung des bereits seit 2007 existierenden Tumorregisters Mammakarzinom (TMK), in das rund 4.000 Patientinnen eingeschlossen wurden, erläuterte Prof. Thomas Decker, Ravensburg. Im Unterschied zum TMK, an dem überwiegend niedergelassene Onkologen mitgearbeitet haben, beteiligen sich an OPAL jetzt auch Gynäkologen, Comprehensive Cancer Centers, Unikliniken und Krankenhäuser. „Damit wird OPAL umfassende und repräsentative Real-World-Daten liefern“, kommentierte Decker. Außerdem wurde eine dezentrale virtuelle Biobank in das Register integriert, um die translationale Forschung voranzutreiben. Mittlerweile umfasst OPAL deutschlandweit rund 130 Zentren, die bereits etwa 800 der geplanten 2.000 Patientinnen rekrutiert haben.

 

Decker stellte Behandlungsergebnisse bei Patientinnen mit HER2-positivem Brustkrebs vor, die deutlich machen, dass therapeutische Fortschritte rasch in den klinischen Alltag implementiert werden. So erhalten mittlerweile 77% dieser Betroffenen eine duale Anti-HER2-Therapie mit Trastuzumab und Pertuzumab und damit die optimale Erstlinientherapie. Auch zeigen die Registerdaten, dass bereits ein Viertel der Patientinnen mit Trastuzumab-Biosimilars behandelt werden.

Beim Hormonrezeptor- (HR) positiven Brustkrebs zeichnet sich ebenfalls ein erheblicher Wandel ab: Erhielt zwischen 2012 und 2016 noch knapp die Hälfte dieser Patientinnen (49%) eine Chemotherapie, so ist der Anteil zwischen 2017 und 2019 auf nur noch 18% gefallen. Grund für diese Entwicklung ist die Einführung der CDK4/6-Inhibitoren, die inzwischen zusätzlich zur endokrinen Therapie bei zwei Drittel aller Frauen mit metastasiertem HR-positivem Brustkrebs eingesetzt werden. Eine alleinige endokrine Therapie erhalten 18% der Betroffenen. Decker geht davon aus, dass der Prozentsatz zytostatisch behandelter Patientinnen dank des neuen Wirkprinzips der CDK4/6-Inhibition künftig weiter auf nur noch 10% sinken wird.

Mutationen beeinflussen Prognose bei der AML

Rund 20% aller Patienten mit akuter myeloischer Leukämie (AML) weisen Mutationen in den Genen für IDH1 (Isocitrat-Dehydrogenase 1) und IDH2 auf. Das Enzym IDH als Bestandteil des Citratzyklus katalysiert üblicherweise die Umsetzung von Isocitrat zu α-Ketoglutarat. Die Mutation bewirkt eine „gain-of-function“ des Enzyms mit vermehrter Produktion des Onkometaboliten 2-Hydroxyglutarat, der über epigenetische Veränderungen, z.B. eine verstärkte Methylierung von DNA und Histonen, zu einer eingeschränkten Zelldifferenzierung und vermehrten Proliferation von Leukozyten führt, erläuterte Priv.-Doz. Friedrich Stölzel, Dresden.

Die Studienallianz Leukämie und die AML-CG analysierten Knochenmarkproben von mehr als 5.200 AML-Patienten mittels Next Generation Sequencing (NGS) auf Mutationen in IDH1 und IDH2 und korrelierten diese Daten mit klinischen Charakteristika, Ansprechen auf die Therapie und Überleben. „Es handelt sich um die weltweit größte AML-Kohorte, die diesbezüglich untersucht wurde“, informierte Stölzel. Eine Mutation im IDH-1-Gen wurde bei 8,6%, eine Alteration im IDH2-Gen bei 11,7% der Patienten nachgewiesen. Beide Mutationen gleichzeitig fanden sich bei 13 Patienten. Laut einer ersten Analyse wurde die Prognose durch das Vorliegen dieser Mutationen nicht beeinflusst: Das Gesamtüberleben (OS) der Patienten mit IDH1- und IDH2-Mutationen bzw. mit IDH-Wildtyp war vergleichbar. Als prognostisch bedeutsam erwies sich allerdings die Art der Mutation: Patienten mit der häufigen R132C-Mutation im IDH1-Gen hatten mit nur 13 Monaten ein deutlich kürzeres OS als die mit der Mutation R132H mit 22 Monaten (p=0,04). Bei IDH2-Anomalien schnitten Patienten mit der R140Q-Mutation im OS signifikant schlechter ab als die mit der R172K-Anomalie (13 vs. 46 Monate; p=0,02).

Erfolgreich: intensivierte Therapie beim Kolorektalkarzinom

In der VOLFI-Studie der Arbeitsgemeinschaft internistische Onkologie (AIO) wurde erstmals die zusätzliche Gabe des monoklonalen Anti-EGFR-Antikörpers Panitumumab zum Triplettregime FOLFOXIRI im randomisierten Design geprüft. Die Phase-2-Studie umfasste 96 nicht vorbehandelte Patienten mit initial inoperablem metastasierten Kolorektalkarzinom mit RAS-WT, die mit FOLFOXFIRI allein (n=33) oder plus Panitumumab (n=63) behandelt wurden. Die Antikörper-Addition führte laut Auswertung durch die Prüfärzte zu einem deutlichen Anstieg der objektiven Ansprechrate von 60,6% im Kontrollarm auf 87,3%, berichtete Prof. Michael Geissler, Esslingen (p=0,004). Dieses Ergebnis wird durch die zentrale Auswertung bestätigt (89,2% vs. 66,7%; p=0,02).

Zudem resultierte die zusätzliche Panitumab-Gabe bei mehr Patienten in einer rascheren Tumorschrumpfung (85,7% vs. 60,0%; p=0,01) und tieferen Remissionen (58,9% vs. 40,9%; p=0,004). Noch wichtiger: die Rate sekundärer Resektion im Gesamtkollektiv konnte durch die Panitumumab-Addition verdoppelt werden (33,3% vs. 12,1%; p=0,029). In Kohorte 2 bei Patienten mit einer Chance auf eine potenziell kurative Metastasenresektion stieg dieser Anteil sogar auf 75% (vs. 36,4%; p=0,05). Das progressionsfreie Überleben war in beiden Armen mit 9,7 Monaten identisch. Doch zeigte sich beim OS ein deutlicher Trend zugunsten des Antikörper-Regimes: Nur mit FOLFOXIRI behandelte Patienten überlebten median 29,8 Monate, die im Panitumumab-Arm dagegen median 35,7 Monate. Die intensive Erstlinientherapie mit FOLFOXIRI plus Panitumumab ist somit für symptomatische Patienten und Patienten mit der Chance auf eine Resektion initial inoperabler Metastasen eine wichtige Behandlungsoption, resümierte Geissler.

Dr. Katharina Arnheim

Quelle: Jahrestagung der Deutschen, Österreichischen und Schweizerischen Gesellschaften für Hämatologie und Medizinische Onkologie, Berlin, 11. bis 14. Oktober 2019