Newsletter

Dermatologie

Prof. Dr. Matthias Augustin, Hamburg
Prof. Dr. Matthias Augustin, Hamburg
© Augustin

Psoriasistherapie: "Viel Licht und viel Schatten"

Ein Interview mit Prof. Dr. Matthias Augustin, Hamburg, über die Versorgungssituation von Psoriasis-Patienten in Deutschland.

Die Verordnungshäufigkeit moderner Systemtherapeutika für die Psoriasis-Therapie ist in Deutschland regional sehr unterschiedlich - was sich an der Lebensqualität sowie dem PASI der betroffenen Patienten objektiv ablesen lässt. Die Gründe für diese Diskrepanz scheinen neben dem Zugang zu qualifizierter fachärztlicher Versorgung auch in den regional unterschiedlichen Prüfmaßstäben und Regressforderungen der Kassenärztlichen Vereinigungen (KV) zu liegen.

Herr Professor Augustin, wie bewerten Sie die Versorgungsqualität von Psoriasis-Patienten in Deutschland?

Augustin: Die Versorgungsqualität ist sehr heterogen, mit viel Licht, aber auch viel Schatten. Wenn Patienten Zugang finden zu den Dermatologen, die leitliniengerecht und engagiert versorgen, in einer ganzen Breite der Möglichkeiten, dann sind sie in der Regel hervorragend versorgt, was wir auch objektiv messen können. Sie haben dann sehr schnell eine deutliche Besserung ihrer Hauterscheinungen und einen erheblichen Zugewinn hinsichtlich ihrer Lebensqualität. Das ist die Sonnenseite.

Und die Schattenseite?

Das sind diejenigen, die entweder gar nicht den Zugang in die qualifizierte dermatologische Versorgung finden und dann in der Regel keine leitliniengerechte Behandlung bekommen, z.B. bei Hausärzten oder weil sie zum Selbstversorger geworden sind. Oder sie sind zu Dermatologen gekommen, die nicht in der notwendigen Breite und Tiefe versorgen. Dazu gibt es regionale Unterschiede: In manchen Regionen kommt der Einsatz von notwendigen Systemtherapeutika, also dem was gut und richtig ist, sehr viel häufiger vor als in anderen.

Zahlen dazu zeigen, dass es vor allem zwischen Brandenburg und Baden-Württemberg eine Diskrepanz bei den Pro-Kopf-Ausgaben gibt.

Das ist nur der größte Gradient. Es ist insgesamt so, dass es einen Teil von Bundesländern gibt – hinter denen ja KV-Bezirke stehen – in denen weitaus mehr Gebrauch gemacht wird von Systemtherapeutika und Biologika, und das natürlich in fast allen Fällen auch nur bei den schwer betroffenen Patienten, die diese Therapie auch benötigen. Der Gradient stellt nicht nur einen Arzneimittelverbrauch dar, sondern spiegelt auch die Lebensqualität und Krankheitslast der Patienten wider. Überall dort, wo in höherem Ausmaß Systemtherapeutika und Biologika eingesetzt werden, ist auch die Lebensqualität der Patienten besser. Dieser Gradient ist also sowohl klinisch als auch für die Patienten relevant. 

Aber warum kommen vor allem im Süden und Südwes­ten so viel weniger Systemtherapien zum Einsatz?

Das ist über die Jahre entstanden und spiegelt das Therapieverhalten wieder, das sehr unterschiedlich ist und nicht mit Patientenpräferenzen oder der Schwere der Psoriasis-Fälle begründet werden kann. Die Ursache liegt darin, dass sich in den vergangenen Jahren die Rahmenbedingungen des Verordnens und der medizinischen Versorgung unterschiedlich entwickelt haben. Insbesondere in Baden-Württemberg sind in viel stärkerem Maße der Einsatz von Systemtherapien und hochpreisigen Medikamenten – man muss fast sagen – bestraft worden, indem die Ärzte Reglementierungen und Schadensersatzansprüche befürchten mussten. Konkret haben die Prüfeinrichtungen dort sehr viel schärfer geprüft und vielen Dermatologen mit Regressen gedroht, so dass daraus auch ein ängstlicheres Verordnungsverhalten bei Psoriasis resultierte. Und das bei einer Erkrankung, die bei diesen starken Schweregraden auch im Aufwand pro Patient in der Praxis sehr viel höher ist.

Man befürchtet also Nachteile durch die Verordnung moderner Systemtherapeutika und Biologika?

Nicht nur das. Man hat auch noch viel mehr Aufwand mit diesen Patienten – nämlich nicht nur 5–10 Minuten, sondern 30–40 Minuten bei der Systemtherapie. Das kann nachvollziehbar die Bereitschaft zur Verordnung negativ beeinflussen. Umgekehrt hat sich in den Gegenden, in denen ein sehr viel höherer Einsatz stattfindet, ein Standard etabliert, der dann auch – weil historisch so gewachsen – von den Prüfeinrichtungen nicht in dem Maße moniert wurde wie in anderen Regionen.  Es ist ja keineswegs so, dass diejenigen im Südwesten, die Systemtherapien und Biologika einsetzen, weniger erfolgreich sind. Es sind genauso gute Dermatologen. Und wenn sie davon Gebrauch machen, dann mit dem gleichen Erfolg. Aber es sind weniger, und diejenigen wurden über die Jahre zusätzlich noch drangsaliert.

Wie wollen Sie diesem Trend entgegenwirken?

Die Dermatologen, die trotz dieser widrigen Rahmenbedingungen verordnen, brauchen Rückendeckung. Aus dem bundesweiten Psoriasisnetz heraus haben wir hierfür eine Reihe von Maßnahmen geschaffen. Unter anderem indem wir ein Sonderheft des PsoNet-Magazins herausgegeben haben, in dem wir zusammengefasst haben, wie in Deutschland hunderte von qualifizierten Praxen und Kliniken sachgerecht versorgen. Dieser Standard ist dann in gedruckter Form zur Verfügung gestellt worden, damit gegenüber den Prüfeinrichtungen besser argumentiert werden kann, dass es sich bei der Systemtherapie heutzutage um ein Muss und nicht um ein Vergehen handelt. Diese Unterstützung mit einer deutlich gemachten Konsensusbildung, was angesagter Standard ist, war eine wichtige Maßnahme.  Wir haben zusätzlich vom Berufsverband Gespräche mit der KV Baden-Württemberg geführt und dort vehement eingefordert, dass fair geprüft wird und die Rahmenbedingungen verbessert werden.

Sind Ihre Forderung bereits umgesetzt worden?

Wir haben seit dem letzten Winter auch in Baden-Württemberg nicht mehr die typischen Wirtschaftlichkeitsprüfungen und die Regressandrohungen in Einzelfällen, sondern eine neue Prüfweise, die zwar deutlich verbessert, wenn auch noch nicht optimal ist. Es wurden dort wie auch in anderen Gebieten die Rahmenbedingungen entschärft. Nun gilt es, die Praxen zu motivieren, wieder entsprechend zu versorgen – das wird einige Zeit dauern. Aktuell sehen wir, dass sich  die Dermatologen in allen Regionen vermehrt um die Patienten mit schwerer Psoriasis kümmern, sodass die Bundesländer Baden-Württemberg, Bayern und Hessen trotz aller Bemühungen bislang weiterhin Schlusslicht geblieben sind. 

Auch wenn sich die Situation bereits gebessert hat: Was raten Sie betroffenen oder interessierten Kollegen?

Es hat sich sehr bewährt, sich mit anderen Ärzten zu vernetzen, die auch im bes-ten Sinne versorgen und die Leit­linie in der ganzen Breite wahrnehmen und ernstnehmen wollen. Das geschieht in den regionalen Psoriasis-Netzen. Dort haben sich Kollegen zusammengefunden, die Wert auf eine leitliniengerechte Versorgung und einen wertvollen Austausch von Expertise legen. Dieser Schulterschluss mit anderen und die Unterstützung durch die Gruppe sind regional sehr wichtig.
Ich möchte auch daran appellieren, unseren Facharztberuf als Dermatologen ernst zu nehmen und mit der Zeit zu gehen. Letzteres heißt für mich, moderne Immuntherapien bei Entzündung­erkrankungen einzusetzen – nicht in jedem Fall und nicht blindlings. Aber immer dort, wo es die beste Option ist. Diesen Zuwachs an Wissen und Exper­tise fordere ich allen ab. Wir sind als Dermatologen in eine ganz andere Modernität gekommen und da müssen alle mitwachsen, die nicht schon aufgegeben haben.

Möchten Sie in diesem Zusammenhang auch den angehende Dermatologen etwas ans Herz legen?

Insbesondere die jungen Kollegen in den Kliniken müssen lernen mit modernen Therapeutika umzugehen. Man kann die Entwicklung nicht umkehren. Wir werden nicht zurückkommen in eine Basisdermatologie wie noch vor 20 Jahren – das wird nicht passieren. Aber wir müssen aufpassen, dass wir als Fach, als Dermatologen, nicht den Anschluss verlieren und solche Behandlungen mit modernen Medikamenten den Internisten überlassen. Das ist mein Anliegen. Wir müssen uns zeitgemäß aufstellen und entwickeln.

Interview: Martha-Luise Storre

Weitere Informationen zu den regionalen Psoriasis-Netzen: www.psonet.de