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Dermatologie

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Beim 28. Deutschen Hautkrebskongress trafen sich dermatoonkologische Experten in Stuttgart.
© Conventus / Deutscher Hautkrebskongress

Dermatoonkologie: Fachgebiet mit Vorreiterrolle

Jüngste Fortschritte, die sich derzeit im Bereich Hautkrebsscreening und -diagnostik sowie Therapie abzeichnen, zählten zu den erklärten Tagungsschwerpunkten des 28. Deutschen Hautkrebskongresses.

Die Dermatoonkologie hat sich in den letzten Jahren durch die Einführung bahnbrechender Therapieansätze eine Vorreiterrolle in der Onkologie erobert. Dennoch zeigen maligne Tumoren der Haut mit rund 240.000 Neuerkrankungen pro Jahr die größte Steigerungsrate unter den Krebserkrankungen in Deutschland. Nach wie vor gehe der größte Teil der malignen Hauttumoren auf UV-bedingte Hautschäden im Zuge des veränderten Expositionsverhaltens in der Freizeit zurück, gaben Prof. Dirk Schadendorf, Essen, und Prof. Dr. Claus Garbe, Tübingen, zu Protokoll. Als verbreiteten Irrglauben bezeichnete Garbe die Annahme, dass der Gebrauch von Sonnschutzmittel oder der Aufenthalt im Schatten vor Hautkrebs schützten: Sonnenschutzmittel schützten sogar überraschend wenig vor der Entwicklung mutationsbedingter Veränderungen in der Haut. So ließ sich bereits in einer früheren deutschen Studie mit mehr als 1.800 Kindern im Alter von 2-7 Jahren kein signifikant präventiver Effekt von Sonnenschutzmitteln auf die Entstehung melanozytärer Nävi nachweisen. Zwischen der Anzahl der am Strand oder im Freibad getragenen Kleidungsstücke und der Anzahl melanozytärer Nävi zeigte sich dagegen eine signifikante, inverse Dosis-Wirkungs-Beziehung (p < 0,001) [1]. Immerhin liege die Teilnahmequote am freiwilligen Hautkrebs-Screening mit derzeit 30-35% vergleichsweise hoch. Das freiwillige Angebot zum Hautkrebsscreening wurde 2008 bundesweit eingeführt. Einen wirklichen Durchbruch erwarte er sich aber erst ab einer Teilnahmerate von etwa 80%, so Garbe.

Feldgerichtete Therapie bei PEK-Vorstufen

Darüber hinaus machte Garbe auf die Bedeutung des fortgeschrittenen Plattenepithelkarzinoms (PEK) aufmerksam: Auch hier gelte die chronische UV-Exposition der Haut als wichtigstes Karzinogen. Als Hauptursache für ein invasives PEK-Wachstum wiederum gilt das Vorhandensein aktinischer Keratosen (AKs). Da prädiktive Parameter, die das individuelle Progressionsrisiko einer AK vorhersagen können, bislang fehlen, besteht bei AKs eine generelle Therapieindikation. Die Patienten sind häufig auf eine regelmäßige Überwachung und individuell abgestimmte Behandlung angewiesen, um die Anzahl der PEK-Vorstufen und das Risiko für invasive PEKs zu minimieren. Dabei sind feldgerichtete Therapieoptionen zu berücksichtigen, die nicht nur klinisch sichtbare bzw. palpable Läsionen erfassen, sondern auch subklinische Läsionen (Feldkanzerisierung). Derzeit wird die Leitlinie zum PEK der Haut aktualisiert, die finale Version wird noch vor Ablauf des Jahres erwartet [2].

KI-gestützte Melanomerkennung – Mensch gegen Maschine?

Zu den kontrovers diskutierten Top-Themen auf der ADO-Jahrestagung gehörte die Einbindung künstlicher Intelligenz (KI) in die Melanomdiagnostik. Selbstlernende Algorithmen könnten künftig z.B. im Rahmen der Früherkennung wertvolle Dienste leisten und die Diagnosesicherheit des malignen Melanoms erhöhen: So hatte Prof. Dr. Holger Hänßle kürzlich die Ergebnisse einer Studie publiziert, die erstmals die diagnostische „Performance“ zwischen einem trainierbaren künstlichen neuronalen Netz (Deep Learning Convolutional Neural Network, CNN) und einer großen internationalen Gruppe von 58 Dermatologen verglich – darunter 30 „Experten“, d.h. die Dermatoskopie-Erfahrung betrug mindestens 5 Jahre. Im Ergebnis wurden die Dermatologen bei der Beurteilung der meisten Läsionen vom CNN übertroffen – auch, wenn die diagnostische Performance der Dermatologen zunahm, wenn sie weitere klinische Informationen und Bilder erhielten. Nach Einschätzung der Studienautoren könnten Dermatologen künftig unabhängig von ihrer Erfahrung von einer CNN-unterstützten Einordnung von dermatoskopischen Befunden profitieren [3]. Hänßle gehörte zusammen mit Privatdozentin Dr. Jessica Hassel – ebenfalls in Heidelberg –, zu den beiden Preisträgern, die für ihre eingereichten Arbeiten mit dem diesjährigen Deutschen Hautkrebspreis ausgezeichnet wurden [4]. Gerade bei Patienten mit einer sehr großen Anzahl an Nävi, in einer Frühphase der Melanomentwicklung oder bei der Beurteilung kleinster Veränderungen versus Baseline-Befund im Verlauf könne die Kombination aus Dermatoskopie und automatisierter Bildanalyse hilfreich sein, erklärte Prof. Asfaq A. Marghoob, New York, in einer Keynote-Lecture [5]. Wichtige Voraussetzung: Das lernende System müsse kontinuierlich mit Informationen gefüttert und der Algorithmus laufend verfeinert werden.

Adjuvante Melanomtherapie

Einen weiteren Tagungsschwerpunkt bildeten die jüngsten Entwicklungen in der adjuvanten Situation des Melanoms: War die medikamentöse Therapieoption über lange Zeit auf eine Interferon-Therapie beschränkt, die den Patienten im Vergleich zu reinen Nachbeobachtung eine verbesserte rezidivfreie Überlebenszeit ermöglichte, ist die Therapielandschaft gerade im umfassenden Wandel begriffen: Im August 2018 wurde mit Nivolumab der erste Checkpoint-Inhibitor zur adjuvanten Behandlung des Melanoms mit Lymphknotenbeteiligung oder Metastasierung nach vollständiger Resektion bei Erwachsenen zugelassen und Ende August folgte die erste Zulassung für eine zielgerichtete Kombinationstherapie mit Dabrafenib und Trametinib zur adjuvanten Behandlung des erwachsenen Melanompatienten im Stadium III mit einer BRAF -V600-Mutation nach vollständiger Resektion. Mit den neuen zeitlich begrenzten adjuvanten Therapieoptionen lasse sich das Rezidivrisiko um mindestens 50% gegenüber Placebo bzw. der Vergleichstherapie reduzieren: Die Ergebnisse seien so gut, dass die Krankenkassen die Behandlungskosten bereits jetzt übernehmen, so Garbe. Melanompatienten im fortgeschrittenen Tumorstadium dürften gegenwärtig in Deutschland mit einer 50%igen Chance rechnen, das 5-Jahres-Überleben zu erreichen: eine revolutionäre Entwicklung in Anbetracht der Überlebenserwartung vor 10 Jahren, die für die meisten dieser Patienten unter 1 Jahr gelegen habe, erinnerte Prof. Dr. Dirk Schadendorf, Essen [6]. In den letzten 10 Jahren seien zudem deutliche Anstrengungen unternommen worden, um die Qualität der Patientenversorgung zu verbessern, ergänzte Prof. Dr. Thomas Eigentler: Inzwischen seien 55 Hautkrebszentren von der DKG zertifiziert, in denen Hautkrebs-Patienten über alle Erkrankungsphasen hinweg eine umfassende, interdisziplinäre und dem aktuellsten Stand der Therapie entsprechende Versorgung erwarten dürften.

Uveamelanom: Neue Therapieansätze benötigt

Trotz der erreichten Verbesserungen gibt es beim Melanom Subgruppen, die sich vom kutanen Melanom sowohl klinisch als auch tumorbiologisch unterscheiden und für die es in der metastasierten Situation bislang noch keine Therapieoptionen gibt, die das Überleben deutlich verlängern. Ein Anteil von ca. 5% der Melanome manifestiere sich am Auge, erklärte Garbe. Im Unterschied zu den kutanen Melanomen metastasieren okuläre Melanome primär nicht über die Lymphknoten, sondern auf dem Blutweg präferenziell in die Leber. Unter den Forschungsprojekten, die von der Hiege-Stiftung gegen Hautkrebs für eine Forschungsförderung im Jahr 2019 ausgewählt wurden, zählte auch die Untersuchung des Neuralleisten-Transkriptionsfaktors (NC-TF) SOX10 beim Uveamelanom (UM). Vorarbeiten zufolge wird SOX10 auch in UM-Zelllinien exprimiert. Dr. Markus Heppt und Anja Wessely vom Universitätskliniken München versprechen sich von der Evaluation der funktionellen Relevanz dieses Transkriptionsfaktors weitergehende Erkenntnisse über die Rolle von SOX10 bei der Entdifferenzierung der Zellen im UM sowie möglicherweise auch Hinweise auf neue, therapierelevante Angriffspunkte [4, 8]. Die Hiege-Stiftung gegen Hautkrebs wurde 2006 in Erinnerung an Fleur Hiege gegründet, die im Alter von nur 32 Jahren an einem Melanom verstarb. Die Stiftung ermögliche seit nunmehr 12 Jahren, jedes Jahr eine Reihe von wichtigen Forschungsvorhaben auf dem Gebiet Hautkrebsdiagnostik und -behandlung voranzutreiben, würdigte Prof. Dr. Axel Hauschild, Kiel, das Stifterehepaar Hiege anlässlich der Preisverleihung in Stuttgart [9].

 

Literatur

  1. Bauer J et al. Am J Epidemiol. 2005 Apr 1;161(7):620-7.
  2. www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/032-022.html
  3.  Haenssle HA et al. Ann Oncol 2018; 29: 1836-42
  4.  Tagungseröffnung und Preisverleihungen am 13.09.2018.
  5. Plenarsitzung 1 am 13.09.2018; Vorsitz: Schadendorf D.
  6. Marghoob, A: New approaches in melanoma diagnostics and skin cancer screening. In: Plenarsitzung 2 am 13.09.2018; Vorsitz: Garbe C, Kaufmann R.
  7. Pressekonferenz anlässlich der 28. ADO-Jahrestagung in Stuttgart am 13.09.2018
  8. Wessely A et al. Die Rolle und Funktion des Neuralleistentranskriptionsfaktors SOX10 im Uveamelanom. J Dtsch Dermatol Ges 2018; 16 (Suppl. 6): FV35
  9. www.hiege-stiftung-gegen-hautkrebs.de

Dr. med. Yuri Sankawa, Stuttgart

 

Die Jahrestagung der Arbeitsgemeinschaft Dermatologische Onkologie der Deutschen Krebsgesellschaft (ADO) und der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft fand vom 13. bis 15. September 2018 in den historisch-imposanten Räumlichkeiten des ehemaligen Landesgewerbemuseums (Haus der Wirtschaft) mitten in Stuttgart statt.