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Medizin

© Florian Willnauer / DDG

Qualitätsoffensive in der Dermatologie

Die 5. Dermatologie KOMPAKT & PRAXISNAH-Tagung in Dresden bot ein vielfältiges und praxisnahes Fortbildungsangebot: Das Themenspektrum reichte von Tumorerkrankungen, Immundermatosen und Dermatochirurgie bis hin zu kosmetisch und medizinisch-ästhetisch ausgerichteten Plenarvorträgen.

Direkt nach der Eröffnung der wissenschaftlichen Tagung stand qualitätsgesichertes Handeln zum Management von chronischen Erkrankungen wie beispielsweise atopisches Ekzem (AD) und Psoriasis im Vordergrund. Dr. med. Ralph von Kiedrowski, Dermatologe aus Selters, erläuterte zunächst, was Management in der Praxis bedeutet: Management im Bereich Medizin ist ein zielgerichtetes, nach ökonomischen Prinzipien gerichtetes Handeln im gesamten Behandlungsprozess, dass die Leitung, Organisation und Planung einer Therapie erfordert, mit dem Ziel der Steigerung der Behandlungsqualität und/oder Kostenersparnis.

Über den Tellerrand hinausblicken

Zielgerichtetes Management kann auch bei chronischen Erkrankungen wie Psoriasis durch Berücksichtigung von Leitlinien erfüllt werden. Dabei ist es erforderlich, „über den Tellerrand hinaus zu blicken“, so der Experte. Denn entzündliche Prozesse betreffen nicht nur die Haut, sondern den gesamten Organismus (Mikroinflammation, Insulinresis-tenz, Übergewicht) mit Auswirkungen auf das kardiovaskuläre System (Atherosklerose, metabolisches Syndrom, Herzinfarkt, Schlaganfall) und die Psyche (Angststörungen, Depression).1

Interdisziplinäre Sprechstunden ermöglichen

Zum Management von Psoriasis zählt daher auch die Abfrage und Dokumentation von Begleiterkrankungen und deren Therapie schon bei der Ersterhebung. Zur optimalen Versorgung des Patienten mit Psoriasis ist es von Vorteil, interdisziplinäre Netzwerke aufzubauen und zu pflegen, beispielsweise in Zusammenarbeit mit Hausarzt, Rheumatologen oder Orthopäden im Zuge von interdisziplinären Sprechstunden (z.B. Autoimmun-Board, Teledermatologie). Bei Verdacht auf Psoriasis-Arthritis sollte beispielsweise die Schnittstelle zum Rheumatologen zur Absicherung der Diagnose sowie gegebenenfalls zum Hausarzt oder Orthopäden für klinische und radiologische Verlaufskontrollen genutzt werden.2

PsoBest: Qualitätsmanagement auch für die eigene Praxis

Da alle Therapieschritte nachvollziehbar dokumentiert werden müssen, kann die Teilnahme am deutschen Psoriasis-Register PsoBest auch ein Mittel zum gesicherten und strukturierten Qualitätsmanagement der eigenen Praxis sein, so der Rat von Dr. von Kiedrowski. Es bietet strukturierte Visitenvorgaben (Quartals-Visite) mit Dokumentationshilfen und weiteren Formularen (z.B. zur Meldung unerwünschter Ereignisse) für den Registerbetrieb, so dass der individuelle klinische Verlauf optimal nachvollziehbar ist.

Sinnvolle Ergänzung zu Studiendaten

Zum sinnvollen Einsatz der therapeutischen Bandbreite bei Psoriasis werden Leitlinien und Therapiestandards zudem immer mehr auf Comparative Efectiveness Research Daten inklusive Network Meta-Analysen (NMA) aus klinischen Studien und Registerdaten beruhen, als auf einzelnen Zulassungsstudien allein. Daher sind offene, beob-achtende, unverblindete Analysen wie aus PsoBest eine sinnvolle Ergänzung zu Studiendaten, um die Effektivität einer Therapieoption, die Versorgungsqualität und den Krankheitsverlauf im Praxisalltag zu dokumentieren, fasste der Experte zusammen. Im Rahmen von aktuellen NMA zählen Risankizumab, Ixekizumab, Brodalumab, Guselkumab und Secukinumab zu den derzeit wirksamsten systemischen Therapieoptionen bei Psoriasis mit den höchsten PASI 90- (zwischen 71,3–79,4%) und PASI 100- (42,4–56,2%) Ansprechraten zu Woche 44 bis 60, so von Kiedrowski.3

Management von AD

Dr. Beate Schwarz aus Langenau und Prof. Dr. Stephan Weidinger aus Kiel erläuterten praxistaugliche Tipps zum modernen Management der AD. Die globale 1-Jahres-Prävalenz und Krankheitsaktivität der AD liegt bei Kindern bei bis zu sieben Prozent und bei Erwachsenen zwischen drei und vier Prozent. Davon sind ungefähr 50 Prozent mild, 40 Prozent moderat und 10 Prozent schwer ausgeprägt, so Schwarz.4 Weitere epidemiologische Daten deuten darauf hin, dass AD weniger häufig „abheilt“ und/oder erst im Erwachsenenalter manifest wird, so dass sich die Prävalenz bei Kindern und Erwachsenen immer weiter angleicht.5

Zu den belastenden Symptomen der Erkrankung zählen Ekzeme, quälender Juckreiz, Schlaflosigkeit und psychische Probleme. Komorbidität spielt auch bei AD eine bedeutende Rolle, hierzu zählen insbesondere Heuschnupfen (28,4%), allergisches Asthma (18%), Haut-Infektionen (u.a. Herpesviren, Dellwarzen, vulgäre Warzen, Staphylokokken, Hautpilze) und andere Autoimmunerkrankungen wie zum Beispiel Alopecia areata oder rheumatoide Arthritis.6

Positive Familienanamnese bei AD besonders häufig

Eine positive Familienanamnese ist mit 80 Prozent Heritabilität außergewöhnlich hoch und damit bei weitem der stärkste Risikofaktor für AD, betonte Schwarz. Neben der topischen Basispflege (Stufe 1, trockene Haut) kommen topische Therapien mit niedrig potenten (Stufe 2, leichte Ekzeme) und höher potenten (Stufe 3, moderate Ekzeme) Wirkstoffen mit Kortikosteroiden (TCS) oder Calcineurininhibitoren zum Einsatz. Begleitend zur Behandlung sind gegebenenfalls Neurodermitis-Schulungen, Ernährungsberatung oder psychosoziale Therapie sinnvoll. Wenn unter Lokaltherapie schwer ausgeprägte Ekzeme (Stufe 4) zum Beispiel auch in Kombination mit einer Lichttherapie persistieren, kommt eine systemische Therapie beispielsweisemit Ciclosporin A oder Dupilumab in Betracht. Im Vorfeld einer geplanten Systemtherapie sollten Komorbidität, aktuelle Medikation, Vorbefunde, Impfpass, Blutwerte und weitere Laborparameter kontrolliert werden, sowie die Bestimmung des Schweregrads der AD und eine Fotodokumentation erfolgen.7

Registerdaten zu Dupilumab

Zur zielgerichteten Therapie mit Dupilumab stellte Weidinger erste Behandlungsalltag-Analysen aus dem deutschen Neurodermitis-Register TREATgermany mit 612 AD-Patienten vor. Dupilumab zeigt im Praxisalltag und in klinischen Studien eine gute Wirksamkeit und Sicherheit, fasste Weidinger zusammen.8 Die häufigsten Nebenwirkungen sind Konjunktivitis, unspezifische Augenprobleme und Kopfschmerzen. Zum Management von Dupilumab-assoziierten Konjunktividen stehen verschiedene Therapieoptionen wie befeuchtende Augentropfen (Hyaluronsäure), topische TCS und Calcineurininhibitoren sowie Lifitegrast zur Verfügung.9

Derzeit sind weitere vielversprechende Substanzen in der Forschungs-Pipeline in fortgeschrittenen Phasen der klinischen Prüfung und richten sich gegen Typ-2-Immunmodulation (z.B. IL-13, IL-31, IL-22, IL-33, IL-17c) und Immunsuppression (JAK-Inhibition). Damit wird ein wichtiger Beitrag geleistet um in Zukunft den hohen Therapiebedarf von Patienten mit Neurodermitis noch besser zu decken, so die Prognose des Experten.

Dr. Christine Willen

Quelle:
Plenarvorträge „Im Dialog: Über den Tellerrand blicken zum Management chronischer Hauterkrankungen“ am 07. Februar 2020 im Rahmen der Dermatologie KOMPAKT & PRAXISNAH-Tagung in Dresden

Literatur: 1. Mrowitz et al. Exp Dermatol 2014:23(10)438-440. 2. von Kiedrowski et al. Der Deutsche Dermatologe 2019;9 (Suppl.):1-24: aktualisierter praxisnaher Behandlungspfad. 3. Armstrong et al. Poster 10006, 2019 AAD Annual Meeting, Washington. 4. Barbarot et al. Allergy. 2018;73(6):1284-1293. 5. Abuabara et al. Allergy. 2018,73(3):696-704. 6. Thyssen et al. J Am Acad Dermatol 2017,77(2):280-286. 7. S2kLeitlinie Update 2018 Stand 31.12.2018 AWMF online. 8. Weidinger et al. Poster 127 ESDR Bordeaux 2019. 9. Wohlrab et al. Hautarzt 2019.