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Medizin

Antike Darstellung Odysseus und Eurykleia
Eine Amme erkennt ihr ehemaliges Mündel an seiner markanten Narbe: Homers Odysseus und Eurykleia nach Christian Gottlob Heyne.
© Wikimedia Commons/gemeinfrei

Narben erzählen Geschichten

Eine Narbe auf der Haut zeugt nicht nur von einer verheilten Verletzung. Ein Streifzug von der Antike bis zur Gegenwart.

Die erste europäische Erzählung, in der eine Narbe ein wichtiges Motiv der Handlung ist, stammt vom griechischen Dichter Homer: Nach 20 Jahren Abwesenheit kommt Odysseus endlich wieder nach Hause, gibt sich aber nicht sofort zu erkennen und verkleidet sich als Bettler. Die Gastfreundlichkeit gebietet es, dass dem Fremden die Füße gewaschen werden. Diese Aufgabe übernimmt Eurykleia, die einstige Amme des Odysseus. Sofort erkennt sie am Bein die Narbe, die ihm als Kind der Biss eines Ebers zugefügt hatte. Bereits diese erste Episode zeigt, dass eine Narbe von Anfang an ein Erkennungszeichen für Menschen war.

Die Identifikation einer Person mit Hilfe präg-nanter Narben findet sich wieder in den Papyri aus dem Wüstensand Ägyptens. Ein Großteil von ihnen sind amtliche Dokumente aus der 300-jährigen Herrschaft der Makedonen, die einst mit Alexander dem Großen das Land am Nil eroberten. In diesen Dokumenten wurden Personen anhand äußerer Merkmale in folgender Reihenfolge identifiziert: Name, Alter, Hautfarbe, Gesichtsform und markante Narben. Narben wurden sogar zum wichtigsten Identifikationsmerkmal: In einem Papyrus aus dem Jahr 86 n. Chr. wurden alle männlichen Personen mit honigfarbener Haut und langem Gesicht beschrieben. Es gab jedoch Lücken im Text, um die Narben dieser Personen einzutragen.

Narben waren in Ägypten auch ein Thema der Medizin. Im Papyrus Edwin Smith, dem ältesten chirurgischen Fachtext (1550 v. Chr.), werden spezielle Bandagen und Haftpflaster erwähnt, die Wunden rasch zusammenwachsen lassen sollten, um einer Narbenbildung vorzubeugen. Dem gleichen Zweck diente das Nähen von Gesichtswunden. Diese Tradition ging nicht verloren und wurde von den späteren Griechen und Römern noch verfeinert.

Narbenbehandlung bei Griechen und Römern

In den medizinischen Fachschriften der Griechisch-Römischen Antike werden Narben häufiger erwähnt, beispielsweise im Corpus Hippocraticum (5.–4. Jh. v. Chr.) oder in den zahlreichen Schriften Galens von Pergamon (129–216 n. Chr.). Im Corpus Hippocraticum wird unterschieden in erhabene, eingesunkene und weite Narben. Runde Wunden, die an Substanz verloren haben, sollten ausgeschnitten und zusammengenäht werden. Es wird sogar von der Möglichkeit berichtet, dass sich Wunden in „schöne Narben“ verwandeln können. Generell galt es jedoch, Narben zu vermeiden. Denn Narben waren nicht nur das sichtbare Zeichen für einen Unfall oder eine Kriegsverletzung, sondern dokumentierten auch die Armut einer Person. Denn wer Narben hatte, musste arm sein, sonst hätte die körperliche Arbeit für den Lebensunterhalt keine Spuren auf dem Körper hinterlassen.

Der römische Fachschriftsteller Aulus Cornelius Celsus (1. Jh. n. Chr.) gibt die prägnanteste Zusammenfassung der Wundbehandlung in der Antike. Celsus hatte ein Buch über Medizin geschrieben, das zwar erst seit der Renaissance (15. Jh.) wieder gelesen wurde, aber das Wissen seiner Zeit zusammenfasst. Zunächst beschreibt er die korrekte Nahttechnik für eine „schöne Naht“, sogar das Klammern von Wunden mittels Fibeln wird erwähnt. Damit sollten Narben vermieden werden. Außerdem wird eine Liste von pflanzlichen, tierischen und mineralischen Stoffen aufgezählt, die Wunden genauso gut wie das Brandeisen verschließen sollten. Die anschließend empfohlene Lösung des Wundschorfs mittels Weizenmehl, Porree und Linsen wurde bisher nicht wissenschaftlich untersucht. Wenn erst einmal die unansehnliche Narbe bestand, empfahl er eine Creme, die unter anderem aus einer griechischen Heilerde, Honig und Gerstenmehl sowie anderen pflanzlichen Bestandteilen zusammengesetzt war. Ob diese und andere antike Mittel helfen, Narben zu kaschieren, ist bisher nicht Gegenstand klinischer Forschung gewesen.

Antike pharmazeutische Fachschriften berichten von einer Reihe einfacher und zusammengesetzter Heilmittel gegen Verbrennungen: Altertumswissenschaftler haben bereits über 70 Pflanzen und Mineralien identifiziert, die eine schnelle Heilung und möglichst geringe Vernarbung versprechen. Auch diese warten auf einen modernen Wirksamkeitsnachweis in klinischen Studien.


Info

Lateinisch heißt Narbe cicatrix, was sich im Englischen als cicatrice wiederfindet.
Das englische scar hat eine andere Herkunft: Es kam über das Französische und Lateinische
ursprünglich vom griechischen eschára, was eigentlich Herd oder Feuerstelle bedeutet, später
in der Medizin aber den Schorf nach einer Brandwunde bezeichnete.


Schmückende und entstellende Narben

Heute tragen immer weniger Menschen am Oberarm die prägnante Narbe, die an eine Pockenimpfung erinnert. Bis die Weltgesundheitsorganisation die Pocken 1980 für ausgerottet erklärte, waren die typischen Narben nach der überstandenen Erkrankung weit verbreitet. Heute zeichnen nur Akne-Narben einen Körper in ähnlicher Weise. Akne- und Pocken-Narben können zur Stigmatisierung und gesellschaftlichen Ausgrenzung der Betroffenen führen. Hier kann heute die ästhetische Dermatologie beispielsweise mit einem chemischen Peeling helfen, das bereits die Gründerväter des klinischen Faches im 19. Jahrhundert eingeführt hatten.

Die sogenannte Skarifizierung ist ein beabsichtigtes Hervorrufen von Schmucknarben. Traditionell ist sie verbreitet in weiten Teilen Afrikas und dient heute auch in westlichen Ländern als Körperschmuck.  Wie alle Moden unterliegt sie einer Konjunktur und guter Rat ist teuer, wenn sich der Geschmack ändert. Beispielsweise hatte der ins Gesicht geschriebene Schmiss eines Burschenschaftlers im 19. Jahrhundert zuerst eine positive Bedeutung. Die Gesichtsnarbe zeigte nach einem Duell mit dem Säbel, dass man ein streitbarer Akademiker war. Später wurden die Narben und ihre Besitzer aber ins Lächerliche gezogen, beispielsweise in Thomas Manns Roman „Der Untertan“ (1918). Seitdem galt ein Schmiss eher als das Zeichen eines Gauners.

Die Narbe im Kinofilm

Kinofilme prägen heute unsere Wahrnehmung und Bewertung von Narben. Im Film „Scarface“ von 1983 spielt Al Pacino einen zum Drogenboss aufgestiegenen Einwanderer. Der Film erregte Aufsehen durch seine exzessiven Gewaltdarstellungen und stand in Deutschland sogar auf dem Index. Al Pacinos Gesicht wird im Film geprägt von einer Narbe, die eine Anspielung an eine historische Person darstellt. Es ist der Gangsterboss Al Capone (1899-1947), dessen Spitzname tatsächlich „Scarface“ – Narbengesicht – lautete.

Harry Potter ist ein Beispiel dafür, dass nicht nur die Schurken, sondern auch die Helden eine Narbe tragen können. Der junge Zauberschüler trägt die Stirnnarbe als schmerzhaftes Zeichen der Verbindung mit seinem Gegenspieler Lord Voldemort. Jeder Zauberer in der Romanwelt der Autorin Joanne K. Rowling kennt die Geschichte von Harry Potter und wie er zu seiner Narbe kam. Das verbindet ihn mit Odysseus, der ebenfalls seiner Vergangenheit nicht entkommt.

Dr. phil. Frank Ursin, Ulm