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Dermatologie

Albino-Mönch Silas
Szenenbild aus dem Film „The Da Vinci Code – Sakrileg“: Killermönch Silas ist von Albinismus und Narben gezeichnet. Der Film ist als DVD bei Sony Pictures Entertainment erschienen.
© 2006 Columbia Pictures Industries, Inc. All Rights Reserved

Film-Bösewichte mit Hautproblemen – ein unentbehrliches Spannungselement

Der Satz „Die Haut als Spiegel der Seele“ gehört heute zu den Allgemeinplätzen in der Dermatologie. Doch schon lange vor seinem Siegeszug durch zahllose Kommentare und Editorials hat sich die Filmindustrie dieses Phänomen zunutze gemacht. Die Haut als individuelles Charakteristikum war früh fest etabliert – lange, bevor es den Tonfilm gab.

Bereits der kanadische Philosoph, Professor für englische Literatur und Kommunikationstheoretiker Marshall McLuhan wusste es: „Das Medium ist die Botschaft“1. Aber wahrscheinlich hatte auch ihn in seiner Jugend die neue Form der Unterhaltung, genannt Kino, fasziniert. Und er hat offenbar gut aufgepasst. Denn die Darstellung dermatologischer Besonderheiten als kennzeichnende Elemente einer Person finden sich schon früh in der Filmgeschichte. Bereits in der Stummfilmzeit waren sie beliebte Mittel zur expressiven Darstellung charakterlicher Eigenschaften. Der Zuschauer konnte mit einem Blick erkennen, wes Geistes Kind die dargestellte Person war – gut oder böse, edel oder moralisch depraviert.

Klassische“ dermatologische Symptombilder von Film-Bösewichten sind:

  • Narben im Gesicht
  • (Androgenetische) Alopezien
  • Tiefe Rhytiden
  • Periorbitale Hyperpigmentation
  • Rhinophyme
  • Warzen
  • Großflächige Tattoos
  • Faciale Naevi
  • Poliosis
  • Albinismus/graue Gesichtsfarbe

Diese visuellen Hinweise konnten Furcht und Entsetzen auslösen, Hinweise auf eine dunkle oder tragische Vorgeschichte des Individuums geben – als Auslöser für Mitleid oder Sympathie wie vielleicht noch beim Phantom der Oper waren sie aber eher selten. Für den Regisseur waren dermatologische Merkmale ein beliebtes und sehr wirksames Mittel, die Emotionen der Zuschauer in die gewünschte Richtung zu lenken.

Stereotypen bis heute wirksam

Die dermatologischen Charakteristika waren für das Publikum sichere Hinweise auf einen zweifelhaften und/oder Furcht einflößenden Charakter der Person. Die von dem Regisseur teilweise auch beabsichtigte Kennzeichnung als moralisch depraviert führte teilweise zu Protesten durch betroffene Interessengruppen wie der National Organization for Albinism and Hypopigmentation (NOAH), meist jedoch ohne nachhaltigen Erfolg.
Diese, in der Stummfilmzeit erfolgreich benutzten Stereotypen haben sich bis in das 21. Jahrhundert erhalten. Croley et al. stellten in einer Untersuchung fest, dass in einer 2003 vom Amerikanischen Filminstitut (American Film Institute; AFI) erstellten Liste der All-Time Top-10-Helden und -Bösewichte insgesamt sechs der zehn Top-Bösewichte (60 %) dermatologische Auffälligkeiten an der Kopfhaut und/oder im Gesicht zeigen2:
Alopezien (Norwood-Hamilton Skala ≥ 3; 30 %): Etwa Dr. Hannibal Lecter in „Das Schweigen der Lämmer“ (1991). Er erhielt für seine überzeugende Darstellung einen Oscar; Mr. Potter in „Ist das Leben nicht wundervoll!“ (1947) und Darth Vader in „Star Wars Episode 5 – Das Imperium schlägt zurück (1980)“. Auch der Imperator (Darth Sidious) hatte in der Star Wars-Reihe eine Alopezie. Über 50 Jahre früher löste Max Schreck als Vampir in „Nosferatu“ (1921) durch seine dermatologischen Symptome, darunter eine Alopezie, Angst und Schrecken aus. Alopezien wurden im Film auch gerne mit einem Albinismus kombiniert, um den Horror für den Kinobesucher zu erhöhen. Hier werden nach Ansicht der Autoren auch Furcht- und Abwehrreflexe deutlich wie sie bis heute noch in Afrika anzutreffen sind. Die Reihe der Bösewichter mit Alopezie kann noch beliebig weitergeführt werden, beispielsweise mit dem „Unglaublichen Hulk“ (2008) oder Oberst Kurtz in „Apocalypse Now“ (1979).
Periorbitale Hyperpigmentation (30 %): Auch bei Vater Karras als Exorzist in dem gleichnamigen Film (1973) hatte der Maskenbildner alle Register gezogen. Neben der Hyperpigmentation war es die fahle, rissige und narbige Haut, welche das Vertrauen der Zuschauer nicht gerade erhöhten. Auch der Killer Silas im Film „The Da Vinci Code – Sakrileg“ (2006) hatte mit einer Pigmentstörung zu kämpfen (Abb.).
Tiefe Rhytiden im Gesicht (20 %) als Zeichen der Alterung finden sich im Film gehäuft bei alten Frauen, die nicht selten Böses im Sinn haben.
Multiple Narben im Gesicht (20 %): Auch hier fallen dem Filmkenner Darth Vader und Vater Karras als Exorzist ein. Großartig auch Al Pacino als Drogenboss in Scarface (1983).
Warzen (20 %) gehören zum Standard-Repertoire von Hexen wie beim Zauberer von Oz (1939), zusammen mit Hyperpigmentation, schlechtem Zahnbild und Rhinophymen (10 %).
Gerne verwendet werden bei Bösewichten auch unnatürliche Hautfarben. Die Top-10-Helden haben (natürlich) eine gesunde Hautfarbe und in der Regel keine dermatologischen Symptome. Je zwei Helden und Bösewichte haben rote Haare. Gesichtsnarben als dermatologische Auffälligkeiten zeigen nur zwei der Top-10-Helden: Harrison Ford in „Jäger des verlorenen Schatzes (1981) und Humphrey Bogart in „Casablanca“ (1942). Allerdings, so bemerkt der filmkundige Dermatologe, sind die Narben in beiden Fällen sehr viel kürzer und filigraner, unauffälliger als bei den Bösewichten. Eigentlich ein Ehrenmal früherer Heldentaten … 

Autor: Dr. Alexander Kretzschmar

Literatur:
1Chan C et al. Dermatology at the movies. Clin Dermatol 2009; 27: 419-421
2Crowley J A et al. Dermatologic Features of Classic Movie Villains: The Face of Evil. JAMA Dermatol 2017; 153(6): 559-564