Newsletter

Medizin

Arzt am Krankenbett
Wie genau möchte der Patient über seinen Krankheitszustand informiert werden?
© Colourbox/Syda Productions

Sie haben Krebs!

Ärzte müssen häufig schlechte Nachrichten überbringen. Ethische Fragen dabei sind, unter welchen Bedingungen solche Nachrichten überbracht werden sollen oder nicht und wie sie vermittelt werden.

Während 1847 der erste Code of Ethics der American Medical Association noch die Auffassung vertrat, Patienten sollten nicht über schlechte Prognosen informiert werden, weil diese Information möglicherweise das Leben des Patienten verkürzen könne, so steht heute der Respekt vor der Selbstbestimmung des Patienten im Vordergrund, der sich im Prinzip der informierten Entscheidung wiederfindet. Patienten sollen demnach so über ihre Erkrankung, Behandlungsmöglichkeiten und Prognose informiert werden, dass sie selbst gemäß ihren Wertvorstellungen entscheiden können, welche Option ihnen entspricht.

Zwei wesentliche Argumente werden dem entgegengehalten: Das erste Argument ist die Befürchtung, diese Informationen könnten dem Patienten die Hoffnung auf eine lebenswerte Zukunft rauben und so die Ressourcen für eine erfolgreiche Therapie zerstören. Dafür gibt es jedoch bisher keine überzeugenden Nachweise. Das zweite Argument ist, dass Patienten diese Informationen möglicherweise nicht haben wollen. Umfragen haben jedoch gezeigt, dass dies nur für einzelne Patienten zutrifft und das die meisten Patienten auch über schwerwiegende Krankheiten aufgeklärt werden wollen. Der Respekt vor der Patientenautonomie auf der einen Seite und dem Recht auf Selbstbestimmung auf der anderen Seite erfordern es, im Aufklärungsgespräch herauszufinden, wann der Patient welche Information haben möchte. Lehnt der Patient die Aufklärung ab, muss möglicherweise darauf hingewiesen werden, dass bestimmte Therapien nur möglich sind, wenn der Patient über die möglichen Folgen informiert ist - und das diese Therapien dann grundsätzlich wegfallen.

Dabei sollte bedacht werden, dass der Hausarzt, der seinen Patienten schon seit vielen Jahren kennt, vermutlich auch seine Bedürfnisse in dieser Situation besser einschätzen kann als der Spezialist oder Stationsarzt, der den Patienten kaum kennt oder im ungünstigsten Fall zum ersten Mal sieht.

Die Gestaltung des Aufklärungsgesprächs

Die ethischen Kompetenzen und kommunikativen Fähigkeiten des Arztes beeinflussen, ob der Patient das Gespräch als belastend oder unterstützend empfindet. Studien konnten zeigen, dass das Risiko für Angststörungen, Depressionen und andere psychische Erkrankungen sinkt, wenn die Bedürfnisse des Patienten angesprochen werden und die Patienten in die Entscheidungsfindung einbezogen werden. Die folgenden Punkte können dabei helfen, ein solches Gespräch vorzubereiten und zu führen.

Zur Vorbereitung des Gesprächs sollten Sie klären, wer das Gespräch führt und wer dabei sein wird. Für Patienten kann es hilfreich sein, wenn eine Person ihres Vertrauens mit anwesend ist, dann sollte deren Rolle klar sein. Beschaffen Sie die nötigen Informationen über die Erkrankung/Therapie und halten Sie sie in dem Gespräch bereit. Wählen Sie einen geeigneten Raum für das Gespräch und sorgen Sie dafür, dass das Gespräch möglichst nicht gestört wird.

Während des gesamten Gesprächs sollten Sie den Blickkontakt zum Patienten suchen und aufrechterhalten, Inhalt und Geschwindigkeit des Gesprächs auf den Patienten abstimmen, wichtige Informationen wiederholen, Pausen machen und sich erkundigen, ob es Fragen gibt.

Zu Beginn des Gesprächs sollten Sie die Gesprächsteilnehmer begrüßen, sich mit Namen und Funktion vorstellen und anschließend die Beziehung möglicher Begleitpersonen zu dem Patienten erfragen. Wenn Sie erwarten, dass das Gespräch gestört wird, sollten sie Ihre Gesprächspartner darüber informieren.

Im weiteren Verlauf können Sie das Vorwissen des Patienten, seine Einstellungen und seinen Informationsbedarf klären. Knüpfen Sie jetzt an das Vorwissen des Patienten an und führen Sie ihn schrittweise zu der Information hin. Dabei soll die Sprache verständlich sein und keinen Fachjargon enthalten. Geben Sie den Gefühlen und Reaktionen des Patienten Raum und spiegeln Sie diese empathisch. Fragen Sie den Patienten, was er verstanden hat, achten Sie auf Hinweise darauf, worüber der Patient sprechen möchte und gehen Sie darauf ein.

Am Ende des Gesprächs sollten Sie die wichtigsten Gesprächsinhalte zusammenfassen und dem Patienten erklären, welche Untersützungsmöglichkeiten es gibt. Planen Sie die nächsten Schritte und bringen Sie in Erfahrung, was der Patient im Anschluss an den Termin tun wird, z.B. ob er abgeholt wird.

Roland Müller-Waldeck

Quelle: Praxisbuch Ethik in der Medizin", Hrsg. Georg Marckmann, Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft 2015