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Medizin

MRI-Scan
Der Ursache des ischämischen Schlaganfalls auf der Spur. MRI-Scan hirnversorgender Arterien und intrazerebraler Blutgefäße.
© Fotolia/DedMityay

Nach dem Schlaganfall ist vor dem Schlaganfall

Etwa 3 bis 4% der jährlich etwa 260.000 Schlaganfallpatienten in Deutschland erleiden innerhalb eines Jahres einen erneuten Schlaganfall. Durch eine effektive Sekundärprophylaxe könnte das Risiko für ein Rezidiv erheblich gesenkt werden.

Patienten, die bereits einen Schlaganfall erlitten haben, weisen gegenüber Gleichaltrigen ohne einen Schlaganfall in der Anamnese ein zehnfach höheres Risiko auf, erneut ein zerebrales Ereignis zu erleiden. Entscheidend für eine effektive Sekundärprävention ist die Korrektur der bekannten zerebrovaskulären Risikofaktoren, denn nach Angabe der Deutschen Schlaganfall-Gesellschaft (DSG) gehen 90% aller Schlaganfälle auf behandelbare Faktoren wie arterielle Hypertonie, hohe Cholesterinspiegel, Vorhofflimmern oder Rauchen zurück.  „Blutdruckeinstellung, Cholesterinsenkung oder gerinnungshemmende Therapien helfen nachweislich, einen erneuten Schlaganfall zu verhindern“, so Prof. Heinrich Audebert, Berlin. Eine Ernährung mit mediterraner Kost, ausreichende Bewegung und Nikotinabstinenz sind weitere Maßnahmen, die das Risiko senken können. Problematisch ist jedoch, dass diese Strategien in der Langzeitbehandlung nach einem Schlaganfall nicht konsequent genug genutzt werden. Audebert untermauert diese Aussage mit den Daten einer Berliner Studie. Die Ergebnisse zeigten, dass ein halbes Jahr nach einem Schlaganfall lediglich bei weniger als der Hälfte der Patienten Risikofaktoren wie z. B. Hypertonie ausreichend eingestellt waren. Hier besteht  „noch viel Luft nach oben“: „Viele Patienten könnten von einer intensiveren ambulanten Betreuung profitieren“, so Audebert. Die Defizite sind allerdings nicht allein auf eine mangelnde Verordnung von präventiv wirksamen Medikamenten zurückzuführen, sondern nach den Worten von Audebert sind viele Betroffene nach dem Schlaganfall offensichtlich mit der Umsetzung der teilweise komplexen medizinischen Empfehlungen überfordert.

Vom Notfall zur chronischen Erkrankung

Für eine effektivere Prävention ist ein Umdenken erforderlich: „Wir sollten den Schlaganfall nicht nur als akutes Notfallereignis verstehen, sondern vielmehr als chronische Erkrankung. Die starke Trennung zwischen krankenhausbasierter Akutbehandlung und ambulanter Nachbetreuung macht eine wirksame und patientenorientierte Sekundärprävention zu einer großen Herausforderung.“ Unmittelbar nach dem Akutereignis sollten gezielte Nachbetreuungsprogramme einsetzen. Dafür ist es wichtig, dass die behandelnden Ärzte – sowohl in der Akuteinrichtung als auch in der Praxis und in Rehabilitationseinrichtungen – eng zusammenarbeiten.“

Die Patienten in ihrer Eigenverantwortung stärken

Besonders wichtig sind dabei gute Anbindungen an Kliniken mit Stroke-Units. „Für eine ideale Versorgung sollten bundesweit möglichst flächen-deckend spezialisierte Ambulanzen eingerichtet werden.“ Solche Unterstützungsprogramme werden momentan hinsichtlich ihrer Effektivität untersucht, z. B. in der unter der Leitung von Audebert durchgeführten multizentrischen und internationalen INSPiRE-TMS-Studie (Intensified Secondary Prevention Intending a Reduction of Recurrent Events in TIA and Minor Stroke Patients).

Die Unterstützungsprogramme sollen dabei in enger Abstimmung mit den niedergelassenen Ärzten durchgeführt werden. Ziel ist es, die Patienten in ihrer Eigenverantwortung zu stärken. „Die Programme sollen den Betroffenen helfen, ihre medikamentösen Behandlungen einzuhalten und einen gesünderen Lebensstil zu führen.“ Wenn solche gezielten Maßnahmen zukünftig häufiger umgesetzt würden, könnte das zu einer spürbaren Senkung der (Re-)-Schlaganfallhäufigkeit in Deutschland führen.

Verbindliche Regelungen zur Nachsorge fehlen

Bei etwa der Hälfte aller Schlaganfall-patienten kommt es zu bleibenden neurologischen bzw. neuropsychologischen Defiziten. Um diese Folgeschäden zu minimieren und weiteren Komplikationen und Rezidiven vorzubeugen, ist im Anschluss an Akut- und Reha-behandlung eine umfassende Nachsorge notwendig. Hier gibt es jedoch nach Ansicht von Schlaganfallexperten Defizite – vor allem weil Regelungen zur Nachsorge fehlen.

Nachsorge interdisziplinär koordinieren

Eine strukturierte ambulante Nachsorge – bei der auch die Hausärzte intensiv eingebunden werden – könnte hier für Verbesserungen sorgen. „Bereits vor der Entlassung aus der Akut- oder Rehaklinik muss der Hausarzt informiert werden. Dann kann er zusammen mit den Angehörigen die Weiterversorgung zu Hause planen“, so Dr. Dieter Geis, Randersacker, vom Bayerischen Hausärzteverband. Dazu gehören auch die Verordnung von Therapien wie Logopädie, Physiotherapie, Ergotherapie sowie bauliche Anpassungen im häuslichen Umfeld – beispielsweise zur Sturzprophylaxe oder die Anschaffung notwendiger Hilfsmittel.

Dr. med. Kirsten Westphal

Quelle: Pressekonferenz der Deutschen Schlaganfall-Gesellschaft (DSG) am 25. Oktober in Berlin

Literatur:
Kim J et al. Association of multivitamin and mineral supplementation and risk of cardio-vascular disease: A systematic review and meta-analysis. Circ Cardiovasc Qual Outcomes 2018; 11: e004224