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Schmerz

Cannabis
Seit März 2017 können die Krankenkassen auf Antrag die Kosten für Cannabis-Präparate erstatten.
© Jiri Hera / Colourbox

Allround-Talent Cannabis?

Seit Cannabis-Präparate zu Lasten der Krankenkassen verordnen, ist ein regelrechter Hype um die Droge auf Rezept ausgebrochen. Ist Cannabis wirklich das neue Wundermittel? Interview

Interview mit Prof. Dr. med. Winfried Häuser, Innere Medizin am Klinikum Saarbrücken

 

Herr Prof. Häuser, seit Arzneimittel auf Basis von Cannabis leichter verschrieben werden können, ist die Zahl der Verordnungen unerwartet stark angestiegen. Woran liegt das?
Prof. Häuser:
Die Gesetzes-Änderung, die am 10. März 2017 verabschiedet worden ist, wurde ja in den Medien groß angekündigt. Die Zeit beispielsweise titelte: „Endlich darf Cannabis helfen“. Die Präparate wurden als eine Art Wundermittel angepriesen, welches gegen alles hilft – von Demenz über posttraumatische Belastungsstörungen bis hin zu jeder Form von Schmerz. Insofern waren die Erwartungen, die hier im Vorfeld geweckt worden sind, natürlich gigantisch. 

Und? Ist die Begeisterung gerechtfertigt?
Bevor ein Cannabis-Präparat verordnet werden kann, müssen erst die etablierten Behandlungs-Möglichkeiten ausgeschöpft sein – oder diese können dem Patienten aus medizinischen Gründen nicht zugemutet werden. Das bedeutet: Cannabis-Präparate sind niemals eine Therapie der ersten Wahl, egal bei welcher Krankheit.

Sie haben die Studiendaten zum Einsatz von Cannabis--Präparaten bei verschiedenen Erkrankungen im Zeitraum von 2009 bis 2017 analysiert. Zu welchem Ergebnis sind
Sie gekommen?

Die besten wissenschaftlichen Nachweise zur Wirksamkeit von Cannabis gibt es bei Nervenschmerzen, beispielsweise bei Nerven-Schädigungen der Arme oder Beine aufgrund verschiedener Ursachen. Bei Spastiken als Folge einer Multiplen Sklerose ist bereits seit 2011 ein Cannabis-Präparat zugelassen. Dieses Mund-Spray darf ganz offiziell ohne Antrag verordnet werden. Es enthält CBD und THC in gleichen Teilen. Aber auch dieses Präparat kann nur dann verordnet werden, wenn andere Medikamente gegen die Spastik nicht geholfen haben.

Wie sieht es im Bereich Onkologie aus?
Bezüglich Tumorschmerzen sind die Ergebnisse leider ernüchternd. Seit 2010 sind vier sehr gut durchgeführte Studien mit über 1.100 Patienten veröffentlicht worden. In allen Studien wurde Cannabis nicht geraucht, sondern das Mund-Spray verwendet und mit PLACEBOverglichen. In keiner Untersuchung war dieses Spray besser als Placebo. Allerdings gibt es sehr gut wirksame Medikamente in der Tumorschmerz-Therapie. Es besteht deshalb kein Grund, Cannabis-Präparate hier routinemäßig einzusetzen. Sie werden natürlich immer wieder mal Patienten finden, die davon profitieren – aber wirklich nur dann, wenn die etablierten Behandlungs-Möglichkeiten ausgeschöpft sind und immer nur als Ergänzung zu den bestehenden Therapien.

Für die Behandlung des Hirntumors dagegen gibt es erste Daten.
Beim Glioblastom, ist das tatsächlich der Fall. Es gibt eine neue kontrollierte Studie, die zeigt, dass Cannabis-Fertigarzneimittel kombiniert mit einer entsprechenden Chemotherapie wirksam sein können.  Hier hat die Kombination im Vergleich zu einer alleinigen Chemotherapie zu einer Lebensverlängerung geführt.
Die meisten Anfragen kommen allerdings von Patienten mit Schmerzen, die nicht Folge eines Tumors sind, sondern die über Rückenschmerzen, Fibromyalgie oder Kopfschmerzen klagen. Es -findet sich bei jedem chronischen nichttumor-bedingten Schmerz eine kleine Gruppe von Patienten, die auf alle etablierten Behandlungs-Möglichkeiten nicht anspricht inklusive psychologischer Verfahren. Das sind natürlich Menschen, die große Hoffnungen in diese Cannabis-basierten Arzneimittel setzen.

Wie schätzen Sie das Sucht-Potenzial ein? Immerhin handelt es sich bei Cannabis ja um eine Droge.
Die Gefahr der missbräuchlichen Verwendung scheint deutlich niedriger zu sein als bei den -Opioiden. Das zeigen zumindest Langzeitbeobachtungen in Kanada oder Israel, wo Cannabis ja schon länger eingesetzt wird. Worin ich ein Problem sehe und warum ich keine Cannabis-Blüten verordne, ist die Möglichkeit, diese auch zum Freizeitkonsum zu gebrauchen – sei es vom Patienten selbst, von seinen Kindern oder von Freunden. Wer Cannabis-Blüten verordnet bekommt, sollte sie über einen Inhalator zu sich nehmen, was etwas kompliziert ist. Grundsätzlich gibt es Cannabis-basierte Präparate ja auch als Fertig- beziehungsweise Rezeptur-Arzneimittel in Form von Tropfen oder Tabletten. 

Sie würden also auf jeden Fall Fertig-Arzneimittel verordnen?
Auch hier muss man grundsätzlich unterscheiden: Es gibt zum einen das Mund-Spray als Fertig-Arzneimittel und es gibt das synthetische THC. Letzteres ist zugelassen bei Übelkeit und Erbrechen als Folge einer Chemotherapie, wenn die etablierten Medikamente nicht gewirkt haben. Daneben sind Rezeptur-Arzneimittel mit THC in Form von Tropfen oder Kapseln zugelassen. Schließlich sind sogenannte Vollspektrumextrakte mit standardisiertem Gehalt von THC und/oder CBD und sämtlichen weiteren Wirkstoffen der Cannabisblüten als Rezeptur-Arzneimittel in Tropfenform erhältlich.

Wie steht es mit Cannabis-Tee oder dem klassischen Joint?
Die Zubereitung des Tees ist sehr aufwändig. Außerdem soll er nicht sonderlich gut schmecken. Vom Joint, der mit oder ohne Tabak geraucht wird, raten wir aufgrund der schädigenden Wirkung auf die Lunge ganz klar ab …

… was bei Palliativ-Patienten vielleicht nicht das vordergründige Problem ist.
Das ist richtig. Aber in Form von Tabletten oder Tropfen sind die Gabe und die Aufnahme im Körper deutlich sicherer. Hier ist der Gehalt genau bekannt. Deshalb ist eine klare Dosis-Anleitung möglich. Dagegen gibt es 14 verschiedene Cannabis-Blüten, die wir verordnen können, mit einer ganz unterschiedlichen Menge an THC und CBD. Es liegen keine verlässlichen Daten vor, welche Cannabisblütensorte bei welchem Krankheitsbild wirksam ist.

Interview: Cornelia Weber