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Pädiatrie

Prof. Dr. med. Ulrike Blume-Peytavi
Prof. Dr. med. Ulrike Blume-Peytavi,
Stellvertretende Klinikdirektorin der
Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie; Charité – Universitätsmedizin Berlin
© privat

„Kinderdermatologie erfordert Erfahrung“

In Deutschland gibt es bislang nur wenige Hautärzte, die auf pädiatrische Dermatologie spezialisiert sind. Dabei unterscheiden sich Hauterkrankungen bei Kindern in Verlauf und Manifestation häufig von denen Erwachsener. Ein Interview mit Prof. Dr. med. Ulrike Blume-Peytavi, Berlin.

 

Frau Prof. Blume-Peytavi, ist die Diagnose von Hauterkrankungen bei Kindern schwieriger als bei Erwachsenen?
Blume-Peytavi: Natürlich gibt es in der Kinderdermatologie Diagnosen, die auch bei Erwachsenen vorkommen können. Aber das Kind kann seine Symp­tome noch nicht so genau beschreiben. Zudem gibt es viele assoziierte Symp­tome die auftreten können, die wiederum auf die körperliche und seelische Entwicklung einen Einfluss haben. Diese gilt es früh zu erkennen, insbesondere auch im interdisziplinären Setting gemeinsam mit Pädiatern. Eine Erkrankung, die bereits im Kindesalter manifest und sichtbar wird, hat auch für die so­ziale Entwicklung in Kindergarten, Schule und Adoleszenz eine große Bedeutung. Das ist ein entscheidender Unterschied zum Erwachsenen. Darüber hinaus muss man hinsichtlich der zur Verfügung stehenden Therapien vor allem im Auge behalten, ob diese mit der Entwicklung des Kindes interferieren könnten.

Welche besonderen diagnostischen Fallstricke gibt es in der pädiatrischen Dermatologie zu beachten?
Es ist wichtig zu wissen, welche Erkrankungen sich häufig im Kindesalter zeigen, aber auch die seltener auftretenden nicht außer Acht zu lassen.
Das fängt bereits bei ganz grundlegenden Erkrankungen an: Ist es eine einfache Pilzinfektion oder doch der kreisrunde Haarausfall? Ersteres ist eine Infektion, die durch Dermatophyten oder Hefepilze hervorgerufen wird, wohingegen das zweite eine Autoimmunerkrankung ist. Beides geht aber mit umschriebenem Haarausfall einher. Oder eine entzündliche Pilzerkrankung als rötliche Plaque am Körper von einer Schuppenflechte im Kindesalter abzugrenzen (Abb. 1 und 2): Gerade im Kleinkindesalter denkt man nicht sofort an eine Psoriasis. In der Folge kann es dann zu einer fehlerhaften Behandlung kommen. Vor allem bei kleinen Jungs sehen wir zum Beispiel häufig, dass eine Genitalpsoriasis fehl­diagnostiziert und -therapiert wird: Erst als Pilzinfektion, dann als Ekzem mit Cortison. Als Kinderdermatologe sieht man die klassischen Stellen und denkt dann direkt an eine Schuppenflechte. Das erfordert natürlich Erfahrung.

Welchen Stellenwert nimmt die interdisziplinäre Zusammenarbeit bei der Behandlung von Kindern ein?
Es ist wichtig, dass Dermatologen und Pädiater sich interdisziplinär vernetzen. Je nachdem, was ursächlich für die Haut­erkrankung mit verdächtigt wird, muss beispielsweise an einen Kinderarzt überwiesen werden: Gibt es auffälligen Stuhl, Ernährungs- oder Entwicklungsauffälligkeiten? Falls dies zutrifft, sollte es im Verlauf beobachtet und eventuell eine Überweisung zum Kindergastroenterologen in Erwägung gezogen werden.

Wie steht es allgemein um die Kinderdermatologie  in Deutschland?
Wir in Deutschland können uns zum Beispiel nicht vergleichen mit den USA: Dort ist die pädiatrische Dermatologie eine eigenständige Weiterbildung. In Europa haben wir mit der Europäischen Gesellschaft für Kinderdermatologie mehrfach versucht, auch eine eigene Weiterbildung ins Leben zu rufen. Aber das hat sich nicht durchgesetzt, da jedes Land seine Ausbildungs-Curricula anders gestaltet. Da sind wir in Europa noch weit von entfernt.
In Deutschland haben wir die Arbeitsgemeinschaft Pädiatrische Dermatologie in der DDG mit circa 130 Mitgliedern. Gemessen an der Zahl von 3.700 Dermatologen in Deutschland sind dies nur sehr wenige, die sich auf diesem Gebiet spezialisieren und sich auskennen. Da gibt es durchaus noch Optimierungsbedarf. Sicherlich gibt es eine große Zahl an Kollegen, die sich für die Kinderdermatologie interessieren und ihr Wissen erweitern möchten; hier möchten wir mit dem vor kurzem veröffentlichten Atlas der Pädiatrischen Dermatologie anknüpfen und beitragen. Zudem vergibt unsere Arbeitsgemeinschaft jährlich drei Hospitations­stipendien an  Pädiater, Dermatologen oder auch Allgemeinmediziner, die sich für die Kinderdermatologie  interessieren. Die Ausschreibung erfolgt jeweils im Frühjahr auf der Webseite der AG unter www.paediatrische-dermatologie.de

Interview: Martha-Luise Storre


Der kürzlich erschienene „Atlas der Pädiatrischen Dermatologie“ (Wiley-VCH, Hrsg.: Ulrike Blume-Peytavi, Helga Albrecht-Nebe, Kathrin Hillmann, Wolfram Sterry) zeigt übersichtlich und verständlich die Ursachen, Manifestationen, Differenzial­diagnosen und diagnostische Optionen von und für dermatologische Krankheitsbilder. „Wir wollten keinen Therapieatlas erstellen, sondern einen diagnostischen Wegbegleiter. Das Erkennen von Hauterkrankun­gen steht hier klar im Fokus. In dieser Fülle ist das für den deutschsprachigen Sprachraum einzigartig“, erläutert Prof. Ulrike Blume-Peytavi.