Newsletter

Infektiologie

© Colourbox/stockwerk-fotodesign

Deutlich erhöhtes FSME-Risiko für 2020 erwartet

Aktuelle Veränderungen der Zeckenpopulationen lassen einen deutlich erhöhten Anteil erwachsener Zecken erwarten – die weit häufiger mit dem FSME-Virus infiziert sind. Tipps für die Impfsprechstunde.

von Prof. Dr. med. Gerhard Dobler und Dr. med. Markus Frühwein, München

Die Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) ist weltweit die wichtigste durch Zecken übertragene Virusinfektion. Insgesamt werden in Europa und Asien schätzungsweise mehr als 5.000 Erkrankungsfälle registriert. In Deutschland schwanken die Zahlen der gemeldeten FSME-Erkrankungen zwischen 200 und 500 Erkrankungsfällen. Die FSME ist augenblicklich in der öffentlichen Wahrnehmung in den Hintergrund getreten. Dies liegt nicht zuletzt an Meldungen, dass die FSME-Fallzahlen im letzten Jahr deutlich zurückgegangen seien. Dies mag für Baden-Württemberg gelten (Rückgang um ca. 40% von 272 auf 157 Fälle), trifft aber sicher nicht für das Bundesland Bayern zu. Hier ging die Zahl der gemeldeten FSME-Fälle von 224 auf 202 nur unwesentlich zurück. Das dritte Jahr in Folge lag damit die Zahl der FSME-Fälle in Bayern bei über 200. Im Vergleich dazu war dies von 2001 bis 2016 nur einmal im Jahr 2005 der Fall.
Die ersten Zeckensammel-Aktivitäten des Nationalen Konsiliarlabors für FSME ergaben nun Veränderungen der diesjährigen Zeckenpopulationen, die zu einem deutlich erhöhtem Infektionsrisiko für FSME führen könnten. Während die Gesamtzahl der Zecken in etwa dem hohen Niveau des Vorjahres entspricht, hat sich der relative Anteil der jeweiligen Entwicklungsstadien deutlich verändert – zugunsten der erwachsenen Zecken, die häufiger das FSME-Virus in sich tragen.
Mit der Impfung gegen FSME steht eine sichere und gut verträgliche Präventionsmöglichkeit zur Verfügung. Aufgrund der fehlenden kausalen Therapiemöglichkeit spielt die Impfung eine besondere Rolle bei der Infektion. Da die Erkrankung nur durch Zecken und nicht von Mensch zu Mensch übertragen werden kann, bietet die Impfung einen wirksamen Schutz für das Individuum, und es ergeben sich keine Vorteile im Sinne einer Herdenimmunität. Länder mit hohen Durchimpfungsraten wie beispielsweise Österreich haben eindrücklich gezeigt, wie sich damit die Erkrankungszahlen deutlich senken lassen.
Die STIKO empfiehlt die Impfung in Deutschland für alle Bewohner von Risikogebieten und Personen die sich sonst in Risikogebieten, z. B. im Rahmen innerdeutscher Reisen auf­halten, sowie für Personen, die ein Expositionsrisiko vorweisen. Als Expositionsrisiko kann man alle Aufenthalte in der freien Natur betrachten, beispielsweise mit dem Hund unterwegs sein, Wandern oder Golfspielen. Im beruflichen Kontext betrifft das z. B. auch Forstarbeiter oder Gärtner. Die Zahl der Risikogebiete in Deutschland hat in den letzten Jahren kontinuierlich zugenommen. Zuletzt kamen der Stadtkreis Dresden und die Landkreise Meißen (beide Sachsen) und Schmalkalden-Meiningen (Thüringen) hinzu. Auch außerhalb von ausgewiesenen Risikogebieten treten FSME-Fälle sporadisch auf.

Subtypen mit schweren Verläufen: Impfung hilft auch hier
Als Reiseimpfung spielt die FSME in den meisten Regionen Europas und Teilen von Asien eine Rolle. Man kann hier zwischen dem westlichen (TBE-W), dem sibirischen (TBE-S) und dem fernöstlichen (TBE-FE) Virustyp unterscheiden, wobei die beiden letztgenannten vorwiegend von Ixodes persulcatus übertragen werden. Zu berücksichtigen ist dabei, dass Erkrankungen durch den sibirischen und fernöstlichen Subtyp deutlich schwerer verlaufen können und eine vergleichsweise hohe Letalität haben (TBE-S: bis 5%, TBE-FE: bis 20%). Die Impfung ist auch gegen diese Erregertypen wirksam. Daher sollte man auch hier Personen, die in die entsprechenden Regionen reisen und einen intensiveren Naturkontakt planen, über das FSME-Risiko informieren und ihnen die FSME-Impfung nahelegen.

Auch Kinder schützen
Auch bei Kindern sollte bei entsprechender Indikation an eine FSME-Impfung gedacht werden. Hier werden die Kinderimpfstoffe beider Hersteller ab dem Alter von einem Jahr verwendet. In einer schwedischen Studie fanden sich 10–15% der FSME-Fälle bei Kindern.
Die gesetzlichen Krankenkassen erstatten die Impfung für alle Bewohner von Risikogebieten und nach Indikation der STIKO.
Problematisch sind weiterhin die viel zu niedrigen Durchimpfungsraten gegen FSME. Die  Durchimpfungsraten bei Schulkindern in Bayern liegen im Mittel bei nur 33,8%, mit eher sinkender Tendenz. Bei den Erwachsenen dürfte diese Zahl wahrscheinlich noch niedriger liegen, da deren Auffrischimpfungen erfahrungsgemäß leider stark vernachlässigt werden.
Wenn die bestehenden Impflücken nicht geschlossen werden und der Impfschutz durch zeitgerechte Auffrisch-Impfungen in der Bevölkerung nicht aufrechterhalten wird, kann es in diesem Jahr bei weiterhin passenden Wetterbedingungen erneut zu einem deutlichen Anstieg der FSME-Fälle in Bayern kommen.
In der Praxis erschweren die unterschiedlichen Impf- und Schnellimpfschemata für beide verfügbaren  Impfstoffe teilweise den Umgang mit der Impfung. Auch unterschiedliche Altersgrenzen bei der Zulassung und bei den Auffrischimpfungen im Alter sind zu berücksichtigen. Grundsätzlich wird die erste Impfung nach der Grundimmunisierung nach 3 Jahren gegeben, dann alle 5 Jahre geimpft und im entsprechenden Alter wieder alle 3 Jahre.

Allgemeine Empfehlungen
Zu den Schutzmaßnahmen gegen Zeckenstiche bei Aufenthalten in der Natur zählen lange helle Hosen (Hosenbeine in den Strümpfen) sowie die Behandlung nicht-bedeckter Hautpartien mit Insektenschutzmitteln auch zum Schutz vor anderen durch Zecken übertragenen Infektionen, z. B. der Lyme-Borreliose.