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Allgemein Medizin

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Drei Zuckerwerte im Vergleich: Welcher sagt KHK-Komplikationen voraus?

Diabetes mellitus und koronare Herzerkrankung (KHK) sind eng miteinander verknüpft. Bei Patienten mit KHK stellt der 2-Stunden-Wert im oralen Glukosetoleranztest einen aussagekräftigen Prädiktor für die Vorhersage von ­KHK-Komplikationen dar – im Gegensatz zu Nüchternblutzucker- und HbA1C-Werten.

Allein zwei von drei Klinikeinweisungen von Diabetikern gehen auf das Konto von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und ebenfalls zwei von drei Diabetikern sterben an KHK-Komplikationen wie Myokardinfarkt oder Schlaganfall. Oft führt eine dysglykämische Stoffwechsellage bereits vor der Diagnose eines manifesten Typ-2-Diabetes zu Organschäden. Dies erklärt, warum die Kardiologen immer häufiger bei Infarkt­­pa­tienten eine Dysglykämie entdecken.
Bei KHK-Patienten sollte frühzeitig ein Screening auf Glukosestoffwechsel­störungen erfolgen, um   mittels entsprechender Maßnahmen wie z. B. Gewichtsreduktion und mehr Bewegung des Risiko für das Auftreten eines manifesten Typ-2-Diabetes zu redu­zieren.  

HbA1c, Nüchern-BZ oder oGTT?
Die Leitlinie der European Society of Cardio­logy (ESC)   empfiehlt, bei KHK-Patienten zunächst den Nüchternglukosespiegel und den HbA1c-Wert zu bestimmen. Sind diese unauffällig, sollte zusätzlich ein oraler Glukosetoleranztest (oGTT) erfolgen. Daten aus der EUROASPIRE-IV-Studie sprechen jedoch dafür, dass dem oGTT  ein höherer Stellenwert eingeräumt werden sollte.
Der HbA1c-Wert kann zwar die Entwicklung eines Diabetes voraussagen, lässt aber keine Aussage über das Risiko von KHK-Komplika­tionen zu. Hier hat nur der 120-Minuten-Wert im oGTT   prädiktive Aussagekraft. Zu diesem  Schluss  kommt ein direkter Vergleich der Aussagekraft von Nüchternglukose, HbA1c und oGTT, den die Arbeitsgruppe um Bahira Shahim vom schwedischen Karolinska-Institut im Rahmen des EUROASPIRE-IV-Projekts durchführte. Der 120-Minuten-Wert im oGTT kristallisierte sich als der wichtigste Zuckerwert heraus: Zum einen gab er Hinweise auf einen drohenden Diabetes und zum anderen ermöglichte er im Gegensatz zu HbA1c  und Nüchternblutzucker auch eine Aussage über das Risiko für das Auftreten kardiovaskulärer Ereignisse.

Nur oGTT sagt das Risiko vorher
Bei insgesamt 3.775 KHK-Patien­ten lagen alle drei Zuckerwerte vor. Bei 1.161 (29%) dieser Patienten wurde im Dysglykämie-Screening mittels oGTT und HbA1c ein bisher unbekannter Diabetes detektiert. Im Nachbeobachtungszeitraum von im Mittel zwei Jahren erlitten 246 Patienten (6,5%) ein kardio­vaskuläres Ereignis (kardiovaskulär bedingter Tod, nicht tödlicher Herzinfarkt, Schlaganfall oder stationäre Aufnahme wegen Herzinsuffizienz). Das Auftreten kardiovaskulärer Ereignisse  korrelierte weder mit dem Nüchternblutzucker noch mit dem HbA1c-Wert, sondern ausschließlich mit dem 2-Stunden-Wert im oGTT. Bei Patienten mit einer 120-Minuten-Plasmaglukose ≥ 7,8 mmol/l waren kardiovaskuläre Ereignisse um 38% häufiger als bei Patienten mit einem Wert < 7,8 mmol/l.
Pro Zu­nahme der 120-Minuten-Plasmaglukose um 1 mmol/l stieg das kardiovaskuläre Risiko um 6% an. Dieser Zusammenhang war unabhängig von den üblichen kardiovaskulären Risikofaktoren wie Alter, Rauchen, Körpergewicht, Blutdruck oder LDL-Cholesterin.
Dr. med. Kirsten Westphal

Literatur:
1. Shahim B, De Bacquer D, De Backer G et al. The prognostic value of fasting plasma glucose, two-hour postload glucose, and HbA1c in patients with coronary artery disease: A report from EUROASPIRE IV. A survey from the European Society of Cardio­logy. Diabetes Care 2017; 40: 1233–40