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Allgemein Medizin

© Colourbox

Macht Fernsehen dumm?

Stundenlanges Fernsehen kann bei Menschen ab 50 Jahren den Abbau des verbalen Gedächtnisses fördern.

Das hängt nicht nur mit dem TV-bedingten Bewegungsmangel zusammen, und die kognitive Einschränkung entspricht auch nur zum Teil der von Demenz­kranken. Möglicherweise zeigt sich hier ein neues Krankheitsbild: die TV-bedingte Demenz, so Prof. Peter Berlit, General­sekretär der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN).

Macht also Fernsehen dumm? In gewisser Weise schon, so könnte man das Ergebnis einer aktuellen Studie zusammenfassen.1 Denn landläufig werden die Menschen als dumm bezeichnet, die nicht in der Lage sind, Informationen adäquat zu verarbeiten, z. B. Gesagtes zu verstehen und umzusetzen. Das ist keine Frage des Intelligenzquotienten, sondern kann bedeuten, dass das sprachliche Gedächtnis schwach ist.
Die aktuelle Studie zeigte, dass ein hoher TV-Konsum von täglich mehr als 3,5 Stunden zum Abbau des verbalen Gedächtnisses führt. Beobachtet wurden 3.590 Studienteilnehmer, die zu Beginn der Studie über 50 Jahre alt waren (durchschnittliches Alter 67 Jahre) und keine Demenz aufwiesen. Nach sechs Jahren wurden sie im Hinblick auf ihre kognitiven Fähigkeiten untersucht und zu ihren Fernsehzeiten befragt. Es zeigte sich ein „dosisabhängiger“ Effekt: je mehr TV ein Teilnehmer schaute, desto mehr hatte das verbale Gedächtnis im Vergleich zum Ausgangswert abgebaut. Die kritische Schwelle waren 3,5 Stunden Fernsehkonsum pro Tag, weniger wirkte sich nicht aus.
Dieses Ergebnis hatte auch noch Bestand und blieb statistisch signifikant, nachdem demografische Faktoren  (Geschlecht, Alter, Beziehungsstatus, sozialer Status, Ar­beits­leben/Rente) und gesundheitliche Kriterien (Depression, kardiovaskuläre Erkrankungen, Tabak- und Alkoholkonsum) herausgerechnet worden waren.

Bewegungsmangel allein ist ­keine ausreichende Erklärung
Die Autoren korrigierten die Befunde auch gegen das Sitzen, also den Bewegungsmangel von Menschen, die viel Fernsehen schauen – und selbst dann blieb das Ergebnis robust. Der Abbau des verbalen Gedächtnisses kann also nicht allein mit Bewegungsmangel erklärt werden.
Bereits früher hat es Studien gegeben, die zeigten, dass viel Fernsehen mit einem kognitiven Abbau einhergeht, aber andere sitzende Freizeitbeschäftigungen wie z. B. im Internet surfen nicht. Forscher hatten das mit der hohen Stimulanz und dem schnellen Wechsel von Sinneswahrnehmungen (Sehen und Hören) und der gleichzeitigen Passivität der Zuschauer erklärt, die dem Fernsehschauen eigen ist.
Interessanterweise war aber nur das verbale Gedächtnis vom TV-Konsum-bedingen Abbau betroffen, nicht die Wortflüssigkeit („semantic fluency“), die z. B. bei Alzheimerpatienten ebenfalls stark reduziert ist. „Verschiedene Studien hatten die These aufgestellt, dass viel TV das Risiko, an Alzheimer zu erkranken, fördern könnte. Alzheimerpatienten haben aber auch kognitive Defizite jenseits des verbalen Gedächtnisverlustes. Dennoch sind diese Studienergebnisse beunruhigend, da sich möglicherweise eine eigene Krankheitsentität, die TV-bedingte Demenz, entwickelt“, erklärt Berlit.
Schon jetzt liegt der durchschnittliche TV-Konsum der Deutschen bei mehr als drei Stunden2 – und die vorliegende Studie zeigte auch, dass Menschen, die nicht mehr im Berufsleben stehen, mehr TV schauen.  „Gerade ältere Menschen sollten, um lange geistig fit zu bleiben, von zu viel Fernsehschauen absehen“, so Berlit.

Dr. med. Kirsten Westphal

Nach Informationen der DGN, April 2019

Literatur:
1 Fancourt D, Steptoe A. Television viewing and cognitive decline in older age: findings from the English Longitudinal Study of Ageing. Nature Scientific Reportsvolume 9, Article number: 2851, 2019. doi.org/10.1038/s41598-019-39354-4;
de.statista.com/statistik/daten/studie/2913/umfrage/fernsehkonsum-der-deutschen-in-minuten-nach-altersgruppen