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Allgemein Medizin

Dr. Roman Stampfli
Dr. Roman Stampfli, Geschäftsführer der Amgen GmbH
© Amgen GmbH

„Die Biotechnologie gehört fest zur modernen Medizin“

Über die Suche nach biotechnologischen Innovationen und die Notwendigkeit eines konstruktiven Dialogs zwischen Politik und pharmazeutischer Industrie spricht Dr. Roman Stampfli, Geschäftsführer der Amgen GmbH, im Interview.

Herr Dr. Stampfli, was ist aus Ihrer Sicht die spannendste Innovation im Bereich der Biopharmazeutika?
Jedes biotechnologisch hergestellte Produkt ist spannend per se – Wachstumsfaktoren, Antikörper, neuere Methoden wie die onkolytische Virustherapie oder RNA-basierte Therapien bis hin zur BiTE®-Technologie, also „bi-specific T-cell engager“. Gerade hier sind wir besonders gespannt, wie sich dieser Ansatz in den nächsten Jahren weiterentwickelt. Ich glaube die Biotechnologie bietet enorm viele interessante Möglichkeiten, nicht nur bei seltenen Erkrankungen, sondern auch bei den Volkskrankheiten.  Wenn man auf die Entwicklung der Biotechnologie in der Humanmedizin zurückblickt, dann stellt das erstmals vor 40 Jahren mittels rekombinanter DNA-Technologie produzierte humane Insulin natürlich einen Meilenstein dar. Nur wenige Jahre später wurde das erste Erythropoetin ebenfalls aus rekombinanter DNA-Technologie hergestellt – ein bedeutender Schritt für Patienten an der Dialyse. In der Zwischenzeit hat Amgen als Biotech-Pionier stetig an der Entwicklung der Biotechnologie mitgewirkt. 

Wie schätzen Sie persönlich den Stellenwert von Biopharmazeutika ein?
Die Biotechnologie gehört für mich heutzutage fest zur modernen Medizin. Und trotz der vielen Fortschritte, die bereits erzielt werden konnten – aktuell sind 274 biotechnologisch hergestellte Medikamente zugelassen – gibt es weiterhin einen hohen medizinischen Bedarf, so dass die Forschung und Entwicklung noch genug zu tun hat. Es gilt neue Ansätze zu finden, bei denen biotechnologisch hergestellte Medikamente ihre Wirkung und den Nutzen für die Patienten zeigen können. Der aktuelle vfa Biotech-Report belegt, dass mit 23 Biopharmazeutika im Jahr 2017 erstmals mehr Medikamente dieser Art in Europa zugelassen wurden als klassische „small molecules“. Das zeigt klar deren Stellenwert für die Behandlung der Patienten.

Worin liegt die besondere Herausforderung bei der Entwicklung von Biopharmazeutika?
Die Herausforderung beginnt bereits ganz am Anfang: Die Entwicklung von biotechnologischen Produkten ist äußerst zeit- und kostenintensiv. Grundsätzlich geht man als Firma, die hierauf ihren Fokus legt, ein hohes Risiko ein. Die Herstellung findet in lebenden Zellen statt und ist daher viel komplexer zu kontrollieren, damit man am Schluss sicherstellen kann, dass die Qualität und Verfügbarkeit immer gewährleistet ist – für jeden Patienten, zu jeder Zeit.

Sie richten Ihren Fokus nicht nur auf die Entwicklung von biologischen Originalpräparaten, sondern gleichzeitig auch auf die von Biosimilars. Warum?
Wir sind der absoluten Überzeugung, dass die Gesundheitssysteme von heute neben den hochinnovativen Medikamenten auch Biosimilars brauchen, um effizient zu sein. Dazu leisten wir unseren Beitrag: Mit unserer Expertise im Biotech-Bereich bietet es sich an, dass wir biotechnologische Medikamente auf beiden Seiten herstellen. Essenziell sind hier Sorgfalt, Qualität und auch Motivation. Aktuell hat Amgen drei zugelassene Biosimilars, sieben sind noch in der Pipeline und damit haben wir das größte Portfolio der Branche.

Sie sprachen die Pipeline an. Welchen Output erwarten Sie in naher Zukunft?
Wir haben einen eigenen Forschungsstandort in München mit 200 Mitarbeitern. Dort wird die bereits erwähnte BiTE®-Technologie erforscht und weiterentwickelt. Es handelt sich dabei um ein Antikörper-Konstrukt, das Abwehrzellen und Krebszellen gezielt zusammenbringt. Infolgedessen sterben die Krebszellen ab. Ein solches Produkt ist bereits für die Leukämie-Behandlung auf dem Markt. Diese BiTE®-Plattform ist enorm interessant für unsere Pipeline: Aktuell basieren über 50 Prozent unser Hämatologie- und Onkologie-Pipelineprodukte auf diesem Wirkprinzip.
Darüber hinaus erwarten wir ebenfalls in der Onkologie weitere Daten zur onkolytischen Virustherapie, einer hochinnovative Therapie im Bereich des Melanoms. Zudem forschen wir an weiteren Arzneimitteln im Bereich der Kardiologie: So läuft aktuell für die Therapie der Herzinsuffizienz eine große Outcome-Studie. Und im Bereich der chronisch-entzündlichen Erkrankungen forschen wir an einer Lupus-Therapie. Neben der Entwicklung von Arzneimitteln richten wir unser Augenmerk zudem auch auf neue, innovative Ansätze bei Hilfsmitteln und Devices.

Wie gestaltet sich aus Ihrer Sicht die Zusammenarbeit mit Politik und Behörden was Zulassungen und Innovationen betrifft?
Biotechnologie ist eine Schlüsseltechnologie der Zukunft – da sind sich nach meiner Erfahrung pharmazeutische Industrie und Politik einig. Deutschland ist in diesem Bereich grundsätzlich sehr gut aufgestellt und lebt von den Innovationen. Die Biotechnologie bietet sehr große Chancen für den Standort – dafür muss aber auch der Innovationskreislauf gegeben sein.

Können Sie das konkretisieren?
Da geht es um stabile gesetzliche Rahmenbedingungen, wie zum Beispiel den Schutz des geistigen Eigentums. Ein weiteres wichtiges Thema ist, dass es nach einer Zulassung durch die Europäischen Behörden zu einer korrekten Beurteilung und Honorierung der Studiendaten im AMNOG-Prozess kommt, damit die Patienten schnell davon profitieren können. Wir müssen weiter gemeinsam an diesen Rahmenbedingungen arbeiten und diese diskutieren.

Haben Sie für diese Gespräche schon einen speziellen Punkt im Blick?
Die Bundesregierung hat bereits eine gute Stoßrichtung gegeben mit der Hightech-Strategie 2025. Ein interessanter Punkt ist hier die steuerliche Forschungsförderung, die für kleinere und mittelgroße Unternehmen geplant ist. Aus unserer Sicht sollten dabei die großen Unternehmen nicht außenvorgelassen werden: Deutschland ist eines der wenigen Länder in der OECD, wo diese Forschungsförderung noch nicht ankommt. Um diese und weitere Punkte voranzubringen ist der Pharmadialog ein wichtiges Instrument, um den Forschungsstandort Deutschland zu stärken und sicherzustellen, dass die Innovationen die Patienten erreichen.

Interview: Martha-Luise Storre