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Allgemein Medizin

Dr. Mathias
Dr. Frank Mathias, Vorsitzender von vfa bio und Geschäftsführer von Rentschler Biopharma
© Rentschler Biopharma

Biopharmazeutika: „Es gibt noch sehr viel zu tun“

Welche Fachbereiche besonders von biopharmazeutischen Präparaten profitieren, warum diese innovativen Medikamente Vorteile in der Kosten-/Nutzen-Rechnung ergeben und inwiefern der Wirtschaftsstandort Deutschland davon profitiert, sagt Dr. Frank Mathias von vfa bio, der Interessengruppe Biotechnologie im Verband forschender Arzneimittelhersteller, im Interview.

Herr Dr. Mathias, welchen Stellenwert messen Sie persönlich den Biopharmazeutika zu?
Zum ersten bieten Biopharmazeutika aus meiner Sicht einen Nutzen für den Patienten, der über die Jahre stark gewachsen ist. Dann profitieren die Ärzte. Denn diese innovativen Medikamente  ermöglichen es uns endlich, eine große Zahl an schwerkranken Patienten zu therapieren, die bisher mit traditioneller Medizin – den Small Molecules – nicht erreichbar waren. Schließlich profitiert die gesamte Gesellschaft und letztendlich der wirtschaftliche Standort Deutschland. Es besteht also ein sehr breites Nutzenverhältnis in allen Richtungen.

Was ist für Sie das Besondere an diesen innovativen Substanzen?
Durch ihre Größe sind Biopharmazeutika hochkomplexe Moleküle. Es ist nicht möglich, diese Substanzen in chemischen Laboren herzustellen. Vielmehr werden sie in großen Fermentern, wie man sie beispielsweise auch aus der Bierherstellung kennt, von lebenden Zellen produziert. Die Herstellung ist also sehr komplex. Ein Therapeutikum zu produzieren kann deshalb mehrere Wochen in Anspruch nehmen. Außerdem müssen in allen Etappen der Produktion analytische Methoden eingesetzt werden, welche die Sicherheit für den Patienten belegen. Das gilt übrigens auch für die Nachahmer-Präparate, die Biosimilars, deren Produktion ebenfalls sehr kompliziert ist.

Gerade im Bereich Onkologie steht der Vorwurf im Raum, die Medikamente seien sehr teuer und deshalb nicht mehr bezahlbar.
Ich glaube, wir dürfen nicht einfach die Preise von Präparaten vergleichen, sondern müssen das Ganze übergreifend betrachten. Wenn Sie ein Biopräparat einem anderen Präparat gegenüberstellen, dann mag das Biopharmazeutikum erst mal teurer sein. Wenn Sie aber alle Vorteile berücksichtigen – etwa die Zahl der Krankenhaustage oder die Ausfalltage am Arbeitsplatz –, wenn Sie also den gesamten gesellschaftlichen Nutzen betrachten, dann glaube ich nicht, dass man generell behaupten kann, Biopharmazeutika seien unangemessen teuer.

In welchen Indikationen sehen Sie die Schwerpunkte?
Die Onkologie ist sicherlich der größte Bereich, in welchem über die letzten Jahre sehr viel erreicht wurde. Was die Neuzulassung von Biopharmazeutika betrifft, hatten wir 2017 ein Rekordjahr. Es sind 23 Biopharmazeutika zugelassen worden, davon sind 13 innovativ, bei den anderen handelt es sich um Biosimilars. Dazu kommt, dass wir in Deutschland zur Zeit etwa 640 Projekte in der klinischen Entwicklung haben. Auch hier liegt der Schwerpunkt auf der Onkologie. Wir können also hoffen, dass auch in Zukunft sehr viele neue Präparate zugelassen werden. Es gibt ja noch sehr viele Krebsarten, die wir nicht oder nicht ausreichend therapieren können.

Begonnen hat die Entwicklung allerdings in den 80er Jahren mit humanem rekombinantem Insulin. Ein weiterer sehr wichtiger Bereich ist die Immunologie. Dazu gehören alle Entzündungskrankheiten wie die rheumatischen Erkrankungen, entzündlichen Darmerkrankungen und Psoriasis. Und nicht zuletzt sind es die Impfstoffe, die biopharmazeutisch hergestellt werden.

Haben alle Patienten Zugang zu Biopharmazeutika oder besteht hier noch Handlungsbedarf?
Rein theoretisch haben alle Patienten Zugang. Das ist ja ein Vorteil des deutschen Gesundheitssystems: Ein Präparat, das zugelassen ist, kann direkt auf den Markt gebracht werden. Danach gibt es allerdings Mechanismen – die wir alle kennen –, die die Verordnungsfähigkeit teilweise eingrenzen.

Lässt sich die Versorgungssituation mit den Biosimilars weiter verbessern?
Wir sind absolut dafür, dass Biosimilars auf den Markt kommen, die die Wahlmöglichkeiten erweitern können. Wichtig für den Patienten am Ende des Tages ist: Es muss gewährleistet sein, dass das, was er bekommt, auch sicher und wirksam ist. Bei den Generika kann man sehr schnell über Bio-äquivalenz die Vergleichbarkeit überprüfen. Das ist bei -Biopharmazeutika nicht so einfach. Deshalb müssen Hersteller von Biosimilars zeigen, dass ihre Präparate bezüglich Wirkung und Nebenwirkungen vergleichbar sind. vfa bio konzentriert sich allerdings mehr auf die innovativen Präparate. Und hier gibt es noch viel zu tun. In jährlichen Biotech-Reports zeigt vfa bio, dass diese Medikamente auch gut sind für die Volkswirtschaft und die Gesellschaft.

An welche weiteren Indikationen denken Sie in diesem Zusammenhang?
Volkskrankheiten wie beispielsweise Osteoporose spielen in diesem Zusammenhang eine große Rolle. Wenn jemand einen Wirbelbruch erleidet, bedeutet das ja nicht nur, dass der Patient -persönlich an Lebensqualität verliert. In vielen Fällen kann er nicht mehr arbeiten und ist auf Pflege angewiesen. Wenn er dagegen rechtzeitig effektiv therapiert wird, wird die Fraktur vermieden. Das ist auch volkswirtschaftlich gesehen  besser. Oder nehmen wir das Beispiel Impfstoffe. Eine Impfung hilft ja nicht nur dem Geimpften, sondern auch dem Umfeld. Was mir bei der Kostenfrage fehlt, ist die gesamtgesellschaftliche Betrachtung – nicht nur der Vergleich zwischen Preis A und Preis B. Es gibt eine ganze Reihe von Krankheiten, die ohne Biopharmazeutika nicht therapiefähig wären.

Sie haben den wirtschaftlichen Nutzen für den Standort Deutschland angesprochen …
Deutschland ist ein ganz wichtiger Standort für die Biopharma-Branche. Die Pipeline ist sehr gut gefüllt und hier finden sehr viele klinische Studien statt. Das hat damit zu tun, dass wir über hochwertige Einrichtungen verfügen, in denen Studien stattfinden können. Und wir haben sehr gut ausgebildete Ärzte in Deutschland. Das alles führt dazu, dass für die klinische Entwicklung der Standort sehr wichtig ist. Er ist aber auch sehr wichtig für die Produktion. Eine große Anzahl der Biopharmazeutika, die in Europa zugelassen werden, werden tatsächlich auch in Deutschland hergestellt. Diesbezüglich sind wir gleich nach den USA auf Platz 2. Betrachtet man die Fermenter-Kapazität, sind wir weltweit auf Platz 3. Ganz wichtig ist die Rolle als Job-Motor. Wir haben in Deutschland in etwa 47.000 Mitarbeiter, die in der Biotechnologie tätig sind. Ich will es nochmal betonen: Wir haben den Nutzen für die Patienten, für Ärzte, für die Gesellschaft allgemein und für den Wirtschaftsstandort Deutschland.

Interview: Cornelia Weber