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Oliver Neumann
Oliver Neumann, Initiator des Projektes Businessdoc (www.businessdoc.online) und selbstständiger Wirtschaftsberater der A.S.I. Wirtschaftsberatung, Essen
© Susanne Beimann; Colourbox

Serie "Praxismanagement": Ambulante Digitalisierung in Zeiten von COVID-19

Wird 2020 das Jahr, in dem sich Ärzte und Praxen auf die Digitalisierung einlassen? Noch vor ein paar Wochen hätte ich diese Frage mit "vielleicht" beantwortet. Doch nun sieht die Welt durch COVID-19 ganz anders aus.

Bei der Beratung von Ärzten und Praxen und der Frage, ob Digitalisierung in die Praxis Einzug hält, stehen wir oft mit dem gesamten Praxisteam vor einer großen Herausforderung. Wenn wir das Thema Digitalisierung in der Praxis zunächst mit dem Arzt, dann mit den Helferinnen oder auch mit dem Patienten besprechen, sind die Meinungen zu diesem Thema sehr unterschiedlich.

Ein Praxisfall

Am Beispiel einer Praxisübernahme möchte ich folgendes erklären. Eine hausärztliche Praxis wird nach 25 Jahren durch den Abgeber an eine junge Medizinerin übergeben. Ihr ist das Thema Digitalisierung nicht fremd. Sie nutzt ein Smartphone, trägt eine Smartwatch, nutzt Gesundheits-Apps und kommuniziert via Messengerdienst und Videotelefonie. Doch wie lässt sich das für ihre Praxis nutzen?
Es wird schnell klar, dass das vorhandene Personal auch in der Vergangenheit nicht erfreut war, digitale Prozesse in der Praxis anzunehmen. Auch die Definition und das Verständnis für Digitalisierung ist höchst unterschiedlich.

Ist die Herausforderung der ambulanten Digitalisierung also abhängig von der die Akzeptanz durch Personal, Arzt und Patient? In unserem Fall geht es aber zunächst nur um die Anschaffung einer neuen Telefonanlage mit Rufweiterschaltung und Anbindung an die Praxissoftware zur späteren Steuerung einer Online-Terminvereinbarung. Bei der Umstellung von analog auf digital mussten die Mitarbeiter nun morgens keine „Null“ für das Amt mehr vorwählen. Als ich vier Wochen nach der Praxisübernahme erneut zur Beratung in die Praxis kam, erklärten mir die Helferinnen, dass dieser Umstand den Praxis-alltag noch immer massiv störe und auch Patienten sich bzgl. der längeren Wartezeiten (Warteschleife) am Telefon beschwerten.

Wir müssen bei der Betrachtung des Themas ambulante Digitalisierung nicht auf die in der Zwischenzeit möglichen technischen Mittel schauen, sondern insbesondere alle beteiligten Personen in den Veränderungsprozess aktiv einbeziehen.  Denn jede Innovation ist immer nur so effektiv, wie die Menschen, die sie betrifft und die sie umsetzen müssen.
Digitalisierung ist immer dann sinnvoll, wenn sie dem medizinischen Personal Arbeit abnimmt und den Bürokratieaufwand reduziert. Damit neue Technologien in der Praxis nicht zu einer dauerhaften Belastung werden, bedarf es einer schrittweisen Einführung, aber auch einer notwendigen Akzeptanz und Offenheit aller Beteiligten für deren Umsetzung.

Entscheidungen abgenommen

Die Frage, ob 2020 das Jahr des Einzugs der ambulanten Digitalisierung wird, hat uns allerdings das Corona-Virus abgenommen. Wir alle haben auf die Innovation oder sogar Disruption im Gesundheitswesen und in der ambulanten Versorgung gewartet. Jetzt sorgt ein Virus dafür, dass uns die Notwendigkeit zur Digitalisierung im ambulanten Gesundheitssystem eingeholt hat. Während wir heute vor überfüllten Wartezimmern in Hausarztpraxen stehen und uns die Frage stellen, ob wir für einen Verbandswechsel überhaupt in diese Praxis gehen, oder ob wir ggf. jetzt darauf verzichten können, könnte eine Videosprechstunde Abhilfe schaffen. Mit Unterstützung einer Anamnese-App (z.B. ADA) könnten die ersten Diagnosen parallel zur Videosprechstunde mit dem Patienten abgestimmt und der Gang in die Praxis eingespart werden. Ein Versorgungsassistent könnte den Patienten zu Hause besuchen, Abstriche machen, ihn zu Hause mit Medikamenten versorgen, Behandlungspläne besprechen, eine Reha aufsetzen und Präventionsmaßnahmen vor Ort in die Wege leiten.
Damit würden nicht nur die Wartezimmer, Personal und Mediziner entlastet, eine mögliche Ansteckungsgefahr dras-tisch reduziert, sondern auch Kosten eingespart. Wie sagt der Ökonom: eine Win-Win-Situation.

Damm der Versorgung

Wie bedeutsam die ambulante Versorgung für die Aufrechterhaltung des Gesundheitssystems und der Patientenversorgung zurzeit ist, zeigt uns Corona ebenfalls sehr deutlich. Würden alle Patienten sofort ins Krankenhaus zur Diagnosestellung gehen, würden die Krankenhäuser in der Notaufnahme zusammenbrechen.

Dazu ein Auszug aus dem Statement von Dr. Andreas Gassen, Vorsitzender des Vorstandes der KVB am 19.03.2020: „Die niedergelassenen Praxen sind der Damm der Versorgung. Bricht dieser Damm, werden die Krankenhäuser überfordert sein. Hält die ambulante Versorgung, werden wir auch innerhalb der dadurch entlasteten stationären Strukturen sehr viel besser mit der der
Corona-Krise fertig werden als die meisten anderen Länder“.

Wie wichtig dem Gesetzgeber und der kassenärztlichen Vereinigung (KBV), dem Gesundheitsministerium usw. die Nutzung digitaler Tools in dieser Phase ist, zeigt die sofortige Aufhebung der wirtschaftlichen Begrenzung der Videosprechstunde. Schon Anfang März wurde die Begrenzung – nur jeder fünfte Patient darf abgerechnet/behandelt werden, ohne sich in der Arztpraxis persönlich vorstellen zu müssen – auf eine unbegrenzte Zahl erhöht. Bei der derzeitigen Nutzung von Telemedizin in bundesdeutschen Arztpraxen mit Videosprechstunden ist diese Maßnahme kostenmäßig sicher überschaubar. Es wäre wünschenswert, diese Beschränkung auch über das Ende des zweiten Quartals 2020 hinaus bestehen zu lassen.

Allen Beteiligten innerhalb der Primärversorgung wird deutlich, wie wichtig Digitalisierung in der Medizin sein kann, wenn es darauf ankommt. Wenn nun Rückschlüsse gezogen werden für die Zeit nach dem Virus, dann sollten nachfolgende Erkenntnisse Berücksichtigung finden:

  • die Aufrechterhaltung der unbegrenzten Abrechnungsmöglichkeit für Videosprechstunden und telemedizinischen Behandlungen
  • die Verordnungen von Gesundheits-Apps wird ausgeweitet
  • Praxen, die jetzt Erfahrungen mit Umsetzung und Anbietern gemacht haben, sollten diese Erfahrungen weitergeben und die Kollegen und Kolleginnen in der ambulanten Versorgung weiter mit ins Boot holen.

Da die bestehenden Modelle nicht nur für Hausarztpraxen möglich sind, sondern auch in der Neurologie, Dermatologie, Notfallmedizin, Kardiologie und Radiologie genutzt werden können, sollten sie allen Beteiligten der ambulanten Versorgung flächendeckend zur Verfügung gestellt werden.

Coronale Digitalisierung

Die Gesundheitslandschaft in Deutschland ist im Jahr 2020 der ambulanten Digitalisierung einen Schritt weitergekommen – wir könnten es auch „coronale Digitalisierung“ nennen. Der Arzt wird aber keineswegs durch digitale Maßnahmen und Tools ersetzt. Die Digitalisierung ist Teil der Versorgung und ein Hilfsmittel bei der Arzt-Patienten-Kommunikation. Die Isolation und Distanz in der Corona-Quarantäne hat uns eines verdeutlicht: Als soziale Wesen ist uns Nähe und Verbundenheit wichtiger, als ein Gesicht auf einem Bildschirm und eine Information via App.

Folgende Schlussbemerkung sei mir erlaubt: Die Telefonanlage ist in der Praxis in der Zwischenzeit übrigens etabliert. Jetzt kommt der zweite Schritt, die Homepage … 


Zum Autor:

Oliver Neumann ist seit über 16 Jahren in der unternehmerischen Beratung von Ärzten tätig. Das Projekt Businessdoc macht den Arzt zum Unternehmer. Seine Mission ist eine gesicherte Patientenversorgung – gerade in unterversorgten Gebieten. Im Businessdoc-Podcast interviewt er unterschiedliche Gäste aus dem Gesundheitsmarkt, um Ärzten Lust auf die eigene Praxis zu machen. Infos unter www.businessdoc.online